Draft zur Prüfung

Werkbank Deutschland, Schraubstock Schweiz: Wenn China denkt, Berlin schraubt – und Bern die Rechnung bekommt

Blog (DE) pending

clarus.news | Analyse | 20. Mai 2026 von Andreas Binggeli und Ernst Anker

Im Handelsblatt warnt Thomas Sigmund vor einer industriepolitischen Rollenteilung, bei der China innoviert und Deutschland nur noch fertigt. «Engineered in China, assembled in Germany» – die Formel hat es in sich. Sie beschreibt nicht nur das deutsche Dilemma, sondern erklärt nebenbei, warum der freundliche Schulterschluss zwischen Bundespräsident Guy Parmelin und Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin am 19. Mai 2026 für die Schweiz wenig bringt: Wer selbst zur Werkbank wird, kann seinen Nachbarn nicht mehr aus der Zollzange befreien. Die Schweiz steht zwischen EU, China und den USA – und wird zwischen diesen drei Schleifsteinen gerade kleingerieben.


Die Sigmund-Diagnose: Deutschland verliert das Zepter

Was Thomas Sigmund im Handelsblatt vom 19. Mai 2026 beschreibt, ist mehr als eine VW-interne Frage. Es ist das Eingeständnis einer industriepolitischen Niederlage. Volkswagen prüft, in deutschen Werken chinesisch entwickelte Elektroautos zu montieren. Befürworter argumentieren mit Arbeitsplätzen und «Wertschöpfung vor Ort». Sigmund zerlegt das Argument mit chirurgischer Präzision: In der modernen Automobilindustrie liegen die Margen nicht mehr im Schraubendrehen am Band, sondern in Software-Architektur, Batteriechemie und Datenmanagement. Wer nur noch zusammenschraubt, was andere entworfen haben, ist nicht Wertschöpfer, sondern Auftragsfertiger.

Das Land der Ingenieure wird zum Land der Schraubenzieher. Und der zweite Befund Sigmunds ist noch unangenehmer: «Technologietransfer durch Anschauung» ist ein Mythos. Wer chinesische Plattformen montiert, lernt Montage – nicht Innovation. Reverse Engineering ist schneller. Die Behauptung, deutsche Ingenieure würden durch Kontakt mit chinesischen Designs schon irgendwie schlauer, ist die industriepolitische Variante von «wird schon gutgehen».

Das ist keine Randnotiz für die Schweiz. Es ist die strategische Voraussetzung jeder Frage, die in Bern derzeit über das Verhältnis zu Berlin gestellt wird.

Berlin, 19. Mai 2026: Freundliche Worte, leere Hände

Parmelins Besuch in Berlin produzierte die erwartbaren Bilder. Das Handelsvolumen ist 2025 um 8,6 Prozent gewachsen. Deutschland ist für die Schweiz der wichtigste Wirtschaftspartner, die Schweiz für Deutschland die siebtwichtigste Adresse. Beide Länder fordern «mehr europäische Eigenverantwortung in der Sicherheit», Parmelin verweist auf den OSZE-Vorsitz. Schöne Sätze, alle wahr, alle folgenlos.

Denn die entscheidende Frage stellte sich am selben Tag in Brüssel und nicht in Berlin: Die EU schliesst die Schweiz von ihren neuen Stahlzollvereinbarungen aus – mitten in den Verhandlungen über die Bilateralen III. Berlin signalisiert «Wohlwollen», so wie auch Rom und Paris. Was die Schweiz tatsächlich braucht, sind aber keine wohlwollenden Hauptstädte, sondern bindende Regeln. Die hat sie nicht. Die NZZ-Kollegin Christina Neuhaus stellte in der vergangenen Woche die unbequeme Frage, wie klug es seitens der EU-Kommission ist, die Schweiz «mitten in der Diskussion um die neuen Verträge und trotz in Aussicht gestellter Lösungen» aus den Stahlzollvereinbarungen herauszunehmen. Berechtigt – und beantwortet sich von selbst: Brüssel kann es sich leisten, weil die Schweiz keine institutionellen Druckmittel hat.

Genau das war der Befund unserer Analyse zum gebrochenen Modus Vivendi: Parmelins berechtigte Kritik am Vertragsbruch ist – liberal gelesen – kein Argument gegen die Bilateralen III, sondern dafür. Ein Modus Vivendi ohne Schiedsverfahren bietet exakt den Schutz, den die Schweiz im Stahlstreit gerade erlebt: keinen.

Zwischen drei Imperien: Die Geometrie der Zollzange

Die Stahlfrage ist kein Einzelfall, sondern Symptom. Brüssel hat seine Stahlproduktion zur «strategischen Notwendigkeit» erklärt – obwohl die EU global nur 7 Prozent des Stahls produziert, China 54 Prozent, ganz Asien 74 Prozent. Die Sicherheitsrhetorik ist Marktschutz mit Helm. Für die Schweiz ergibt sich daraus eine ungemütliche Mechanik:

Erstens schliesst die US-Section-232-Logik – ausgelöst durch Trumps Proklamation vom 2. April 2026 und der neuen Bemessungsgrundlage auf vollen Zollwert – Drittländer wie die Schweiz systematisch aus.

Zweitens reagiert Brüssel darauf mit eigenen Schutzmassnahmen und nimmt die Schweiz dabei nicht mit – obwohl ein Freihandelsabkommen besteht. Politökonomisch ist das ein klassisches Koordinationsproblem in der Kommission: Die Generaldirektion Handel reagiert auf Washington, die Generaldirektion Wettbewerb verteidigt den Binnenmarkt, das politische Spitzengremium koordiniert nicht ausreichend mit dem unterzeichneten Stillhalteabkommen. Resultat: Die Schweiz fällt durch das Raster.

Drittens entsteht in Deutschland – dem mit Abstand wichtigsten Schweizer Handelspartner – parallel das Problem, das Sigmund beschreibt. Ein industriepolitisch geschwächter Nachbar, der selbst zwischen Chinas Innovation und amerikanischem Zolldruck operiert, kann nicht der Anwalt sein, der die Schweiz aus der Zange holt.

Berlin schraubt, Peking denkt, Washington und Brüssel verzollen. Und die Schweiz? Hofft auf Goodwill in Hauptstädten, die selbst keinen mehr haben.

Drei Vorschläge zur Diskussion

Wer kleiner ist, braucht klügere Hebel. Drei Strategien, die in Bundesbern derzeit zu wenig diskutiert werden:

1. Strukturpolitisch: Die Bilateralen III ratifizieren – und ein Schiedsverfahren aktiv nutzen

Die liberale Erzählung, ein institutionelles Abkommen sei «Vorgeschmack» auf den Souveränitätsverlust, ist nach dem Stahlfall politisch tot. Das Gegenteil stimmt: Erst ein verbindliches Schiedsverfahren hätte es der Schweiz erlaubt, gegen den Ausschluss aus den Stahlzollvereinbarungen vertraglich vorzugehen – statt in Berlin um Wohlwollen zu bitten. Wer die Bilateralen III ablehnt, akzeptiert implizit, dass Brüssel die Schweiz weiterhin per Verwaltungsakt aussortiert. Das ist nicht Souveränität, das ist deren Karikatur.

2. Industriepolitisch: Schweizer Wertschöpfung schützen, bevor sie zur Werkbank wird

Was Sigmund für Deutschland beschreibt, gilt für die Schweiz doppelt: In Pharma, Präzisionsindustrie, MedTech und Fintech liegt die Marge in Forschung und IP, nicht in der physischen Produktion. Die Schweiz braucht endlich eine ehrliche industriepolitische Doktrin: kein Ausverkauf strategischer F&E-Kapazitäten in Kooperationen, in denen das geistige Eigentum abfliesst; eine verbindliche IP-Klausel in jedem Forschungsabkommen mit chinesischen Partnern; und – wie der Andrey-Salzmann-Coup vom Dezember 2025 gezeigt hat – ressortübergreifende Open-Source-Strategien für die digitale Infrastruktur. Wer Software und Daten nicht kontrolliert, kontrolliert seine Wirtschaft nicht.

3. Geoökonomisch: Die EFTA reaktivieren und Allianzen jenseits der EU verbreitern

Die Schweiz ist zu klein, um mit der EU allein zu verhandeln, und zu wichtig, um sich auf bilateralen Goodwill zu verlassen. Die strukturelle Antwort liegt in einer ernsthaften Wiederbelebung der EFTA als Verhandlungsblock – mit Norwegen, Island und Liechtenstein als institutionelle Verstärkung – kombiniert mit aktiver Diversifikation: vertiefte Abkommen mit dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit, Mercosur, ASEAN, Indien. Nicht als Ersatz für die EU, aber als Korrektiv. Wer drei Marktoptionen hat, verhandelt anders als wer nur eine hat.

Fazit: Der Selbstbetrug der Hauptstadtdiplomatie

Die Schweizer Aussenwirtschaftspolitik der vergangenen Jahre hat einen blinden Fleck: Sie verwechselt Wohlwollen in Hauptstädten mit Schutz in Verträgen. Berlin meint es gut. Paris meint es gut. Rom meint es gut. Brüssel meint es egal. Und Washington meint es eiskalt. Das Resultat heisst Stahlzölle, Ausschluss von Vereinbarungen und ein 10-Millionen-Staat, der zwischen drei Imperien um Aufmerksamkeit ringt.

Sigmund hat für Deutschland eine Frage gestellt, die für die Schweiz noch dringender ist: Was bleibt von der eigenen Wirtschaftskraft, wenn andere Innovation, Regulierung und Zollarchitektur kontrollieren? Die Antwort lautet nicht «mehr bilaterale Treffen». Sie lautet: Schiedsverfahren statt Goodwill, IP-Kontrolle statt Plattform-Romantik, Allianzen statt Anhängsel.

Berlin schraubt. Peking denkt. Brüssel kassiert. Die Frage ist, ob Bern endlich beginnt zu rechnen.


Kritische Fragen

  1. Evidenz: Welche quantitativen Belege gibt es für die These, dass die Margen in der Automobilindustrie tatsächlich von Hardware zu Software gewandert sind – und lässt sich diese Verschiebung auch für andere Schweizer Exportindustrien (Pharma, MedTech, Maschinenbau) empirisch belegen?
  2. Interessenkonflikte: Wessen Interessen schützt die EU-Sicherheitsrhetorik im Stahlsektor tatsächlich – die europäische Versorgungssicherheit oder die strukturell schwache europäische Stahlindustrie? Wer profitiert von der Schweizer Ausgrenzung?
  3. Kausalität: Ist das Schweizer Verhandlungsdilemma primär ein Ergebnis der EU-Politik, der US-Zollarchitektur oder hausgemachter institutioneller Schwäche – und welcher Faktor wäre am ehesten korrigierbar?
  4. Umsetzbarkeit: Sind die drei vorgeschlagenen Strategien – Bilaterale III mit Schiedsverfahren, industriepolitische IP-Doktrin, EFTA-Reaktivierung – politisch mehrheitsfähig, oder scheitern sie an denselben innenpolitischen Konstellationen, die schon das institutionelle Rahmenabkommen 2021 versenkt haben?
  5. Alternativen: Gibt es realistische Szenarien, in denen die Schweiz ohne institutionelle Anbindung an die EU dauerhaft Marktzugang sichert – oder ist die Wahl tatsächlich nur zwischen Schiedsverfahren und bilateralem Bittstellertum?
  6. Risiken: Was sind die konkreten Nebenwirkungen einer EFTA-Reaktivierung – schwächt sie die Verhandlungsposition gegenüber Brüssel zusätzlich, oder schafft sie tatsächlich Gegenmacht?
  7. Historische Analogie: Lässt sich die heutige industriepolitische Konstellation mit früheren Phasen der Deindustrialisierung (Textil 1980er, Stahl 1990er) vergleichen, oder ist die Software-Dominanz im Wertschöpfungsmix ein qualitativ neues Phänomen?

Dieser Beitrag basiert auf dem Handelsblatt-Kommentar von Thomas Sigmund («Chinas Werkbank – Aus dem Land der Ingenieure wird ein Fertigungsstandort», 19.05.2026), dem NZZ-Kommentar von Peter A. Fischer («Damoklesschwert 10-Millionen-Schweiz», 20.05.2026), der Medienmitteilung des Bundesrats zum Besuch Parmelins bei Merz (news.admin.ch, 19.05.2026), dem Mailwechsel zwischen clarus.news und der NZZ (Christina Neuhaus, Fabian Schäfer) vom 17./18. Mai 2026 sowie der vorgängigen clarus.news-Analyse zum gebrochenen Modus Vivendi.

Quellen:


Tags: #Stahlzölle #BilateraleIII #Werkbank #China #Deutschland #EU #USA #Section232 #EFTA #Industriepolitik #DigitaleSouveränität #Parmelin #Merz