von Kopftuchverbot zu Milchschokolade
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Vor 150 Jahren legte Daniel Peter mit der ersten modernen Milchschokolade den Grundstein für einen globalen Mythos – und für das Image der Schweiz als Schokoladennation. In dieser Episode geht es um süsse Erfolgsgeschichten, harte Preiskämpfe rund um Milka in Deutschland und die überraschende Verbindung zwischen Schokolade und Eisenbahn.
Ausserdem diskutiert Servus. Grüezi. Hallo. über ein mögliches neues Kopftuchverbot für Schülerinnen in Österreich: Warum ein ähnliches Gesetz schon einmal gescheitert ist, was sich diesmal geändert hat – und wie die Rechtslage in Deutschland und der Schweiz aussieht.
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Detailliertes strukturiertes Transkript - Transalpin-Podcast #380
INTRO & BEGRÜSSUNG
Moderator: Willkommen zur 380. Ausgabe des Transalpin-Podcasts
Die drei Teilnehmer:
- Lenz Jakobsen - Redakteur im politischen Ressort der Zeit in Berlin
- Matthias Daum - Leiter der Schweizer Ausgabe der Zeit in Zürich
- Florian Klenk - Leiter der Zeit in Österreich in Wien
Themen der Folge:
- Kopftuchverbot in Österreich
- Schokolade
Kontakt: [email protected] und WhatsApp (Nummer in Show Notes)
VORAB-THEMEN
Nachtrag zu Österreich (Lenz)
Kontext: In der vergangenen Woche hatten sie über den Archivar Rainer Schaden berichtet
Lenz berichtet:
- Prozess gegen Archivar Rainer Schaden endete mit Freispruch
- Vorwurf der Staatsanwaltschaft: "nationalsozialistische Wiederbetätigung"
- Grund: Er hatte Bücher aus dem Nachlass der Historikerin Brigitte Hamann verkauft
- Acht Laienrichter wiesen den Vorwurf einstimmig zurück
- Die Bücher dürfen weiter verkauft werden (werden nicht beschlagnahmt)
- Lenz' Kommentar: "Österreich ist doch nicht so verrückt, wie ich es ihm immer unterstelle" - "zur Abwechslung mal eine beruhigende Nachricht aus Österreich"
Live-Show Ankündigung
Florian:
- Datum: Montag, 17. Dezember 2025, 19 Uhr
- Ort: Oper Graz (erste Show in der Steiermark)
- Nach dem Burgtheater nun erstmals in einem Opernhaus
- Scherzhaft: Diskussion ob sie "Zauberflöte", "Don Giovanni" oder "Gefangenenchor" aufführen
Lenz' Beitrag:
- Würde lieber den Siegfried geben (Wagner)
- Matthias kontert: "Siegfried Wagner, das ist bei Bayreuth, nicht Graz"
- Lenz: "Läuft da in 87 Stunden durchgehend" (Anspielung auf die Länge von Wagner-Opern)
Info: Alle Details auf zeit.de/alpen-podcast-live (Link in Show Notes)
Letzte Folge des Jahres
- Dies ist die letzte reguläre Folge 2024
- Weihnachtsfolge erscheint bereits am 22. Dezember (Montag)
- Über Silvester eine Woche Pause
- Ab Januar 2025 wieder regulär
THEMA 1: KOPFTUCHVERBOT IN ÖSTERREICH
Einleitung (Matthias)
Matthias: "Ihr legt da, also ihr Österreicher, bei einem Thema eine, wie ich finde, recht überraschende politische Hartnäckigkeit an den Tag. Das kennt man so von euch gar nicht."
Florians Bericht über das neue Gesetz
Historischer Kontext:
- Österreich hatte bereits vor Jahren ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 beschlossen
- Dieses wurde vom Verfassungsgericht gekippt
- Nun wurde ein neues Gesetz verabschiedet
Lenz' Reaktion: "Wie heisst dieser Spruch: Dummheit ist, den gleichen Fehler zweimal zu machen?"
Florian über das alte Gesetz:
- Kam von der schwarz-blauen Regierung unter Kanzler Kurz
- Wurde vom Verfassungsgericht kassiert
Begründung des Verfassungsgerichts (Zitat): "Eine Regelung, die bloss eine bestimmte Gruppe von Schülerinnen trifft und zur Sicherung von religiöser und weltanschaulicher Neutralität sowie Gleichstellung der Geschlechter selektiv bleibt, verfehlt ihr Regelungsziel und ist unsachlich. Paragraph 43a Schulunterrichtsgesetz verstösst daher gegen den Gleichheitsgrundsatz in Verbindung mit dem Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit."
Das neue Gesetz:
Beschluss:
- Vergangene Woche im Nationalrat verabschiedet
- Von der "Dreier-Koalition" (ÖVP, SPÖ, NEOS)
- Alle Parteien stimmten zu, ausser den Grünen
Warum stimmten die Grünen nicht zu?
- Nicht aus inhaltlichen Gründen gegen das Verbot
- Sondern weil sie davon ausgehen, dass es verfassungsrechtlich wieder nicht halten wird
Gesetzestext (Zitat): "Um die bestmögliche Entwicklung und Entfaltung aller Schülerinnen und Schüler im Sinne des Kindeswohls sicherzustellen und insbesondere die Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Mädchen zu fördern, ist es Schülerinnen bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres untersagt, ein Kopftuch, welches das Haupt nach islamischen Traditionen verhüllt, zu tragen."
Wo gilt das Verbot:
- In der Schule
- NICHT bei dislozierten Unterricht
- NICHT bei Schulveranstaltungen ausserhalb der Schule
Verantwortung: "Die Erziehungsberechtigten sind verpflichtet, für die Befolgen des Verbots zu sorgen."
Zeitplan:
- Ab Februar: "Informationsphase"
- Ab Schuljahr 2026/27: Sanktionen
- Geldstrafen: 150 bis 800 Euro
Lenz' Nachfrage: "Es geht nicht darum, dass Mädchen generell kein Kopftuch mehr tragen dürfen in Österreich, sondern dass sie das im Unterricht nicht mehr dürfen. Auf der Strasse beim Einkaufen usw. verbietet ihnen das weiterhin niemand."
Florian: "Richtig."
Betroffene Zahlen
Matthias: "Weiss man denn, wie viele Mädchen davon betroffen sind?"
Florian:
- Zahlen sind unsicher
- Schätzung: ca. 12.000 Mädchen unter 14 Jahren tragen in der Schule Kopftuch
- Dies ist eine Schätzung der Regierung
- Unklar, wie diese Zahl zustande kommt
Lenz (skeptisch): "Haben diejenigen, die dieses Gesetz verabschieden wollten, Interesse daran, diese Zahl möglichst hoch zu machen oder niedrig?"
Florian: "Das wäre jetzt eine Unterstellung. Das weiss ich genauso wenig, wie ich weiss, wie diese Zahl zustande kommt."
Die Rolle der NEOS (liberale Partei)
Lenz: "Was mich gewundert hat, Florian: Ihr habt eine Dreier-Koalition. Darin sind die ÖVP und die SPÖ Mitstreiter und eben die liberalen NEOS. Wie vereinbaren die denn dieses Kleidungsverbot mit ihrem eigentlichen Freiheitsanspruch?"
Florian über die politische Einigkeit: "Mich hat extrem gewundert, und in einem negativen Sinn gewundert, wie einig sich alle darin waren, dass dieses Kopftuchverbot eine gute Sache sei."
Die Positionen der Parteien:
- FPÖ: Dafür (geht ihnen nicht weit genug)
- ÖVP: Will es schon lange
- SPÖ: Will es mittlerweile auch
- NEOS: Ebenfalls dafür
NEOS-Begründung (Yannick Shetty, Fraktionschef):
- Sprach von einer "toxischen Kopftuchdebatte", die er "entgiften" wolle
- Argument: Das Verbot schränke nicht Freiheit ein, sondern schütze die Freiheit von Mädchen bis 14
- Schutz "gegenüber islamistischen Influencern und Sittenwächtern"
- "Entscheidungen über den Körper sollen bei den Mädchen selbst liegen"
Florian: "Ich finde es jetzt auch nicht so ganz falsch. Ich finde nur die Schlussfolgerung im Verbot [problematisch]."
SCHWEIZ - Matthias' Bericht
Matthias über die Schweizer Position:
Bundesrat (2024): Lehnt nationales Kopftuchverbot an Schulen ab - Zitat: "In einer freiheitlichen Gesellschaft sollten Kleidervorschriften ohnehin nur zurückhaltend eingesetzt werden."
Bundesgericht (2015):
- Generelles Verbot von "Kinder-Kopftüchern" an öffentlichen Schulen ist NICHT verfassungskonform
Aber: Bundesgerichtsurteil von 1997:
- Es ist grundsätzlich zulässig, wenn der Staat einer Lehrerin (nicht Schülerin!) das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht verbieten will
- Dies ist in einigen Kantonen in Einzelfällen passiert
Aktuelle Vorstösse: In mehreren Kantonen wird ein generelles Verbot gefordert:
- St. Gallen
- Aargau
- Zürich
Matthias' kritische Frage: "Mir nimmt dann Wunder, wie die Formulierung 'auffällig religiös geprägte Kleidungsstücke und Symbole' dann wirklich ausgelegt wird."
Sind wirklich ALLE gemeint?
- Das Kreuz am Hals einer TTG-Lehrerin (Handarbeit/Werken)?
- Die Kutte des Lateinlehrers an der Stiftsschule?
- Die Kippa eines Geografielehrers?
- Oder geht es nur um das Kopftuch der Primarlehrerin?
Lenz: "Ich hätte da einen heissen Tipp [welche gemeint sind]..."
Matthias präzisiert:
- Dies sind alles "Vorstösse, Emotionen" - "niedrigste Stufe der politischen Idee"
- Alles noch "superschwammig"
Gibt es auch Vorstösse gegen Schülerinnen? Ja - es gibt Vorstösse, dass auch Schülerinnen unter 16 an öffentlichen UND privaten Schulen keine "religiös geprägte Kleidungsstücke" tragen dürfen.
Lenz: "Moment, nur Schülerinnen? Wenn ich als Mann ein grosses Kreuz am Hals trage?"
Matthias: "Nein, nein, sorry - Buben sind auch gemeint. Es ist nicht so gegendert, dass es nur Mädchen betreffen würde."
Lenz (scherzhaft): "Und du darfst auch weiterhin den Leidensweg Christi auf deinem Schulweg nachspielen als Bub?"
Matthias: "Wie, auf dem Schulweg? Wir reden ja in der Schule."
Florian: "Du musst es einfach so machen wie die Deutschen: Du gehst mit deinem Kreuz auf dem Buckel zur Schule, aber nicht in die Schule."
DEUTSCHLAND - Lenz' Bericht
Lenz: "Bei uns gibt es auch keine allgemeinen Kopftuchverbote in dem Ausmass, wie ihr das jetzt in Österreich versucht."
Bundesverfassungsgericht 2015:
- Man kann Lehrerinnen nicht pauschal das Kopftuch verbieten
- Grund: Es schränkt die Glaubensfreiheit ein
Folgen:
- Bundesländer mit solchen Verboten haben sie nach und nach abgeschafft
- Ausser Berlin
Der kuriose Fall Berlin
Lenz: "Das ist wirklich eine wunderbar typische Berliner Geschichte."
Die Situation:
- Berlin hat das Verbot formal weiterhin
- Gilt auch für Polizistinnen und Mitarbeiterinnen der Justiz
- 2020: Explizites Gerichtsurteil GEGEN dieses Berliner Gesetz
- Land hat Beschwerde eingelegt, aber ohne Erfolg
Konsequenzen:
- Land muss fünfstellige Beträge in Schadensersatz zahlen
- An Bewerberinnen, die wegen des unrechtmässigen Gesetzes nicht eingestellt wurden
Lenz' Erklärung: "Du bewirbst dich auf eine Stelle als Lehrerin in Berlin, wirst nicht genommen, weil du ein Kopftuch trägst, dann kannst du auf Schadensersatz klagen - zu Recht, weil dieses Gesetz, auf das sich das Land bezieht, ja eigentlich gar nicht mehr existieren darf."
Was die Schulen gemacht haben:
- Sie haben einfach angefangen, das Gesetz zu ignorieren
- Und trotzdem Lehrerinnen mit Kopftuch einzustellen
- Lenz: "Das ist eine sehr typische Berliner Praxis"
Seit Sommer 2024:
- 10 Jahre nach dem Verfassungsgerichtsurteil
- 5 Jahre nach dem ersten Urteil gegen das konkrete Gesetz
- Hat die regierende Koalition eingesehen, das Gesetz zu ändern
- Ist jetzt gerade dabei
Florian (ironisch): "Aber weil die sind fünf Jahre nachdem es gekippt worden ist?"
Lenz: "Ich sehe hier ein Geschäftsmodell."
Florian: "Ich würde mich einfach mit Kopftuch bewerben, dann wirst abgelehnt und erhältst eine Entschädigung."
Lenz: "Die Beträge sind nicht so gross wie in den USA. Es geht hier um niedrige fünfstellige Beträge, nicht um Schweizer oder amerikanische Summen."
Wo Verbote in Deutschland bestehen
Ausserhalb Berlins (wo der Staat funktioniert):
Lenz: "In Berlin und in vielen anderen Bundesländern gibt es ein Verbot des Kopftuchs für Rechtsreferendarinnen, auch für Richterinnen und Schöffinnen."
Wichtig:
- Nur in ihrer Funktion im Gericht
- Nicht beim Einkaufen oder privat
- Vom Gericht als gesetzm ässig anerkannt
Beispiel: Fall in Melle bei Osnabrück
Lenz erzählt einen aktuellen Fall (vor ein paar Wochen):
Was passierte:
- Schulleitung erklärte: Kopftücher und andere Kopfbedeckungen dürfen nur noch mit Antrag getragen werden
- Schulministerium bekam das mit
- Kippte diese Regelung
- Grund: Widerspricht der Religionsfreiheit - es muss genau andersherum sein
Lenz' Erklärung: "Man darf in absoluten Ausnahmefällen Kopftuch-Tragen verbieten, aber man darf nicht per se sagen, es ist verboten und ihr müsst das Gegenteil beantragen."
Eskalation:
- In der Zwischenzeit gab es Aufregung
- Menschen sprühten Graffitis an die Schulwände
- Diese beleidigten die Schulleiterin rassistisch
- Polizei ermittelt nun dagegen
Lenz' Fazit: "Da zeigt sich, wie umstritten das Thema immer noch ist und wie viel Emotionen das auch einfach führt."
DISKUSSION ÜBER DAS VERBOT
Florians Position - Kritik am Verbot
Florian: "Es ist ein total heisses Thema und ein schwieriges Thema. Umso mehr hat mich vergangene Woche diese Einmütigkeit geärgert, mit der das Gesetz beschlossen worden ist."
Florian räumt ein: "Vielleicht vorweg: Ich sehe schon das Problem, ich bin nicht naiv."
Das Problem anerkennen:
- Es gibt keinen theologischen Grund, warum Mädchen Kopftuch tragen müssen
- NEOS haben Recht mit islamistischen Influencern
- Es gibt Fälle, wo Mädchen gezwungen werden
- Halbstarke Jugendliche trangsalieren Mädchen, die "nicht züchtig genug" sind
ABER - Florians Hauptkritik:
Zitat aus dem feministischen Magazin "Anschläge": "Werden Buben, die nur verhüllte Mädchen und Frauen als anständig begreifen, durch ein Kopftuchverbot zum emanzipatorischen Wandel motiviert? Nein, natürlich nicht."
Florians zentrale These: "Das Problem sind idiotische Männer und bestimmte Formen einer Religionsauslegung. Und unsere Lösung ist dann aber: Wir verbieten unter 14-jährigen Mädchen, was sie tun dürfen und was nicht."
Zusätzliche Kritikpunkte:
1. Wer muss es umsetzen?
- Wie beim Handyverbot: Die Lehrer müssen es kontrollieren
- "Wir lagern die Kontrolle an Lehrerinnen und Lehrer aus"
- "Die stehen jetzt in den Klassen, die müssen das Gesetz erklären und umsetzen. Viel Spass dabei."
2. Sozialdemokratische Lehrer waren dagegen:
- Im Gegensatz zu ihrer eigenen Partei (SPÖ)
Lenz' Position - Differenzierter
Lenz über Verbote für Minderjährige: "Du hast argumentiert, dass nun die Lösung sei, dass man Mädchen was verbiete für Probleme. Da würde ich sagen: Jo, das ist das Prinzip von Unmündigkeit."
Aber: "Ich kann ja das eine falsch und das andere richtig finden."
Lenz' Argumente:
1. Verbote für Minderjährige sind prinzipiell okay: "Dass man Menschen, die noch nicht 18 sind, Dinge verbietet - das gilt nicht nur jetzt in diesem Kopftuchbeispiel, sondern bei Alkohol, Autofahren, oder neuerdings auch bei Social Media für unter 16-Jährige in Australien."
2. Kreuz vs. Kopftuch: "Ich könnte jetzt lange darüber diskutieren, ob ein Kopftuch, das den kompletten Kopf einer 12-Jährigen verhüllt, die gleiche Eingriffstiefe hat wie ein Kreuz, das man im Klassenraum aufhängt. Aber das müsste ich vielleicht Theologen überlassen."
Lenz' Fazit: "Ehrlich gesagt geht es mir im Grossen und Ganzen eher so, wie es Matthias geht. Ich erkenne auch das Dilemma:
- Ein Kopftuch ist kein besonders freiheitliches Symbol
- Kleiderverbote sind aber auch nicht freiheitlich
- Man kann nicht beides haben - das eine geht immer auf Kosten des anderen"
Wichtiger Punkt von Lenz: "Vielleicht sollte man auch einsehen, dass es sich lohnt, auf diejenigen zu schauen, die da unbedingt was verbieten wollen."
Analyse der Verbotsbefürworter: "Dass die Mädchen bitte nicht so muslimisch aussehen sollen in Österreich - das knüpft an ein Bedürfnis an, dass ich in Deutschland aus der Stabbilddebatte kenne."
Das eigentliche Problem: "Das Land sieht halt nicht mehr so aus, wie man es gerne hätte - nämlich Kopftuch-frei im Zweifelsfall."
Lenz' wichtigste Einsicht: "Daran erkennt man, dass das von Seiten derjenigen, die es verbieten wollen, auch so eine Art Selbstvergewisserungsperformance ist. Ein irgendwie kriselndes christlich-abendländisches Selbstverständnis, das sich noch stark fühlen will und deshalb sagt: 'Nee, Mensch, die vielen Kopftücher, die wollen wir halt einfach nicht haben.' Und das ist natürlich auch Zeichen einer Schwäche."
Florian: "Selbstvergewisserungsperformance ist ein wunderschönes Wort, Lenz. Das könnte man über ganz viele österreichische Debatten schreiben."
Matthias' Argumente - Pro Verbot (oder zumindest nachdenklich)
Matthias: "Irgendwo das Wort 'Verbot' biegt um die Ecke in Österreich, wird irgendwas verboten, dann schreist du rum [an Florian gerichtet]. Und jetzt sitzt du da so 'hm, hm, hm'."
Matthias' Hauptargumente:
1. An wen richtet sich das Verbot? "Wenn du Minderjährigen etwas verbietest, richtest du dich ja damit auch an die Erziehungsberechtigten. Das steht im Gesetz."
Aber: "Wie ist das den Eltern beizubringen, dass sie ihre Mädchen dazu bringen, es leicht zwingen - wo ist da die Grenze zu bringen und zu zwingen - ein Kopftuch zu tragen?"
Grundsatzfrage: "Soll sich der Staat in diese Erziehungsangelegenheiten einmischen?"
2. Was symbolisiert das Kopftuch?
Matthias: "Das Kopftuch steht für eine strengkonservative Geisteshaltung und Religionsauslegung."
Seine These: "Wer ein Kopftuch trägt, das ist ein Symbol für eine strengkonservative Geisteshaltung und Auslegung der eigenen Religion. Und diese Auslegung ist die Erste, die andere am liebsten alles verbieten würde."
Matthias präzisiert: "Wer Kopftuch-Tragen prädigt, prädigt - nicht unbedingt direkt, aber prädigt - eine antiliberale und antifreiheitliche Haltung."
Seine Frage: "Darf er oder sie sein [diese Haltung haben], aber: Soll diese Haltung in einer öffentlichen Schule zur Schau getragen werden dürfen?"
Der französische Laizismus als Lösungsansatz?
Matthias schlägt vor: "Von diesem Hintergrund aus könnte man für eine strenge Trennung von Kirche und Staat plädieren, also für einen strengen Laizismus, den es in unseren aller drei Ländern nicht gibt."
Konsequenz: "Sämtliche religiösen Symbole - alle - aus Klassenzimmern reissen. Mönche in die Ordenskleider verbieten, wenn sie Latein unterrichten."
Matthias hat nach Frankreich geschaut:
Frankreich feiert 120 Jahre Laizität:
- Seit 2005: Schülerinnen und Schüler dürfen im Unterricht keine religiös geprägte Kleidung oder deutliche religiöse Symbole tragen
Aber funktioniert es?
Matthias' Antwort: "Wie so oft: Auf dem Papier klingt es super."
Die Probleme in Frankreich:
1. Gilt nur für staatliche/staatlich geförderte Schulen: "Was ist passiert? Genau diese Gruppen, an die sich solche Verbote richten sollen, haben ihr paralleles Bildungswesen aufgebaut."
2. Private Schulen: "Private Schulen, die sich selbst finanzieren - dort kann der Staat nichts mehr bestimmen, dort können die Leute tragen, was sie wollen."
3. Generelles Problem: "Mit dieser Regel haben sie das Problem mit den islamischen Fundamentalisten nicht in den Griff bekommen in Frankreich."
Florians abschliessende Kritik - Die Verlogenheit
Florian über Laizismus: "Ich glaube einfach nicht, dass es praktikabel ist, aber wenn, dann richtig."
Sein Hauptpunkt: "Wir diskutieren ja nicht über das Verhältnis zwischen Religion und Staat. Wir sind in Österreich komplett verlogen."
Beispiel - Die Koralmbahn-Einweihung:
Donnerstag: Kopftuchverbot für Kinder beschlossen
Freitag: Koralmbahn eingeweiht (neue Zugstrecke im Süden)
- 3,5 Stunden Liveübertragung im ORF
- Inklusive der "Hohen Geistlichkeit" (so im ORF genannt)
- Katholischer Bischof segnet den Zug
- Minister stehen drumherum
- "Damit haben wir überhaupt kein Problem"
Florian: "Also wir reden nicht über das Verhältnis Religion und Staat. Mit Kreuz in den Schulen genauso wenig - die hängen da drin, steht im Gesetz."
Sein Fazit: "Anstatt dass wir uns damit einmal auseinandersetzen - da können wir dann wirklich über ALLE Religionen reden und wie wir dazu stehen und wie das Verhältnis zum Staat ist - stattdessen ist wegen des Kopftuchs von Mädchen plötzlich Feuer am Dach. Da müssen wir den Nationalrat bemühen und ein Gesetz erlassen. Die sind plötzlich das Problem."
Florians Kritik an der politischen Kultur
Das Verlogenheits-Beispiel: "Ich will noch etwas loswerden dazu. Dieses Gesetz gibt es auch deshalb, weil wir in Österreich komplett boulevardisiert sind."
Die Mechanismen:
- Politischer Diskurs findet in Schlagzeilen statt
- Alle haben Angst vor der FPÖ und den Boulevardmedien
- "Vermeintlich simple Lösungen für komplizierte Probleme werden einfach zusammengestopselt"
- "Kopftuchverbot klingt easy"
Die internationale Dimension: "Weil wir kein Insel sind, schauen jetzt andere Länder auf Österreich und sagen: 'Ah, die haben da Kopftuchverbot für Mädchen, könnte das was für uns sein?'"
Beispiele:
- Italien
- Deutschland
Florians Warnung: "Das heisst, wir sind auch Vorreiter und Trendsetter bei manchen Sachen. Und ich bin mir nicht so sicher, ob man sich Österreich bei diesen Dingen als Vorbild nehmen soll."
WERBEBLOCK: Sonder Session Podcast & Akademix
(Werbung für Politik-Podcast "Sonder Session" vom Online-Magazin Republik)
(Werbung für akademische Stellenbörse Akademix)
SEGMENT: "DEUTSCHE, DIE MAN KENNEN SOLLTE"
Katharina Kiel - Chefin der neuen Frauen-Bundesliga
Lenz' Einleitung: "Man hat sich ja eigentlich schon daran gewöhnt, dass sich im organisierten Fussball immer genau die durchsetzen, von denen man es eigentlich nicht will."
Beispiel Gianni Infantino:
- FIFA-Präsident überreichte Donald Trump einen "Friedenspreis"
- Lenz: "Wirklich eine Veranstaltung, die das Wort 'cringe' so was von auf den Punkt gebracht hat"
Matthias: "Bitte dazu sagen: Der Schweizer Gianni Infantino, Vorsitzender der FIFA, die ihren Sitz in der Schweiz hat."
Lenz' Fazit: "Wer das Gehabe und die Skandale der weltweiten Fussballfunktionäre verfolgt, muss fast den Glauben daran verlieren, dass es auch mal anders kommen könnte."
Die Lossagung vom DFB
Was passierte (4. Dezember 2024):
- Die Frauenbundesliga sagte sich vom Deutschen Fussballbund los
- Einen Tag vor Infantinos "Friedenspreis"-Gala
Der Plan war:
- Gemeinsame Gründung eines neuen Vereins
- Zusammenschluss der professionell organisierten Frauenfussballvereine der ersten Bundesliga
- Eigentlich gemeinsam mit dem DFB (wegen deren Expertise)
Warum scheiterte es?
- DFB bestand kurz vor Gründung darauf, dass ohne sie nichts entschieden werden kann
- Die Vereine zogen die Notbremse
Lenz' Einschätzung: "[Die Vereine] bewiesen damit einen Mut, den die Männervereine schon eher seit längerem nicht mehr so gerne zeigen."
Katharina Kiel - Die Person
Alter: 33 Jahre
Hintergrund:
- Spielte selbst in der Bundesliga:
- FFC Frankfurt
- Bad Neunahr
- Hoffenheim
- Studium abgeschlossen
- Gründete ein Startup
- Landete im Management der Frauenabteilung von Eintracht Frankfurt
Neue Rolle:
- Chefin der neuen Frauenbundesliga (FBL)
- Feierte die Gründung als "Tag des Aufbruchs"
Lenz' Schlusswort: "Wir wünschen Katharina Kiel viel Erfolg dabei. Und dass sie wahrscheinlich nie einen Friedenspreis von Gianni Infantino empfangen wird, wahrscheinlich auch keinen vom DFB mehr bekommen wird - das sollte sie als eigentliche Auszeichnung verstehen."
Matthias über Infantino
Florian: "Darf ich noch was zu Gianni Infantino sagen? Ich muss mich da kurz selbst zitieren."
Matthias (selbstironisch): "Das Gebot der Zurückhaltung ist dir eigen."
Matthias' Zitat über Infantino: "Gianni Infantino macht nur, was jeder gute Performer macht: Er verzerrt das Schweizer-Sein zur Kenntlichkeit."
THEMA 2: SCHOKOLADE
Einleitung - Warum ist die Schweiz so schokoladisch?
Matthias: "Nachdem du uns ja schon zweimal erklären musstest, durftest, solltest, warum die Schweiz so reich ist (nachzuhören in alten Folgen), kommen wir nun zur zweiten grossen Frage an dein Land: Warum ist die Schweiz so schokoladisch?"
Matthias wollte zuerst ein Lied singen: "Ich wollte jetzt was singen, dann habe ich gemerkt, es ist total politisch unkorrekt. Also sing ich das jetzt nicht."
Seine analytische Antwort: "Gute Ideen, gutes Marketing, viel Kapital."
Florian: "Das finde ich wirklich ein bisschen sehr trocken. Kannst du das nicht ein bisschen schmelziger machen?"
Die Habsburg-Verbindung
Lenz: "Wenn ich es richtig gelesen habe, dann hatten die Habsburger ihre Finger im Spiel. Ich habe was von Trinkschokolade am Hof in Wien gelesen."
Matthias korrigiert: "Nein, nein, Lenz. Es war zwar eine Margarete von Österreich, aber das Ganze spielte am spanischen Hof."
Florian: "Königin von Spanien - die haben ja alles regiert."
Lenz (trocken): "Die Österreicher würden sagen... [wird unterbrochen]"
Die Ursprünge der Schokolade
Matthias: "Die Schokolade ist kein genuines schweizerisches Produkt. Allein schon, weil hier bei uns kein Kakao wächst. Und auch erfunden haben wir es nicht."
Die echten Erfinder: "Das waren die Männer von Montezuma und die Inkas - bis dann Cortés der Killer kam und das Zeug zurück nach Europa brachte."
Florian (scherzhaft): "Lil Wayne hast du gerade zitiert in dieser Folge, so total en passant. Ich finde das super. Sowieso ein super Song."
Die Schweizer Schokoladiers im 17./18. Jahrhundert
Margarete von Österreich (~1600):
- Soll dank eines Schweizer Schokolatiers aus dem Tessin/Bleniotal erstmals Trinkschokolade vorgesetzt bekommen haben
- Matthias: "Geschichte ist vermutlich Quatsch, aber schön ist sie trotzdem"
Was stimmt: Schweizer Schokolatiers und Zuckerbäcker waren im 17. und 18. Jahrhundert gern gesehen:
- An europäischen Höfen
- In Metropolen des Kontinents
- Bis nach St. Petersburg
Aber: "Es gab da auch andere, die das taten."
DIE REVOLUTION: MILCHSCHOKOLADE
Wo die Schweizer wirklich die Ersten waren: "Bei der Milchschokolade in Tafelform - also nicht in Trinkform, sondern zum Abbrechen und Essen."
Dresdner Gegenthese: Matthias: "Bevor jetzt die bösen Mails aus Dresden kommen: Ich weiss, es gibt die These, dass dort schon früher mit Eselmilch eine Milchschokolade erfunden wurde. Stimmt aber, so viel ich recherchiert habe, nicht. Wir waren die Ersten. Punkt."
Daniel Peter - Der Erfinder (1875)
Wer war Daniel Peter?
- Erfand 1875 die Milchschokolade (vor 150 Jahren)
- Es wird gestritten, ob genau dann oder ob er dann begonnen hat
- "Zuckersüsser Historikerstreit"
Was ist fix: Peter brachte als Erster eine Milchschokolade auf den Markt, "die auch für unsere Geschmacksnerven danach schmecken würde, was wir unter Milchschokolade verstehen"
Das Problem vor der Milchschokolade
Lenz: "Was war denn das Bessere an der Milchschokolade? Warum war das ein Fortschritt?"
Matthias: "Vorher gab es schwarze, dunkle Schokolade in Tafeln oder Trinkmilch mit Kakao drin. In beiden Fällen war das eine sehr grieselige, krümelige, brüchige Angelegenheit."
Matthias (anschaulich): "Ich gehe mal davon aus, es sind ja keine Schokotafeln aus dieser Zeit erhalten geblieben, aber wir hätten dankend abgelehnt, wenn uns da ein Probierriegler angeboten worden wäre."
Daniel Peters Weg zur Milchschokolade
Seine Ausgangssituation:
- Heiratete in die Schokoladendynastie Caillet ein (Tochter des Firmengründers)
- Gründete mit Hilfe seines Schwiegervaters eine eigene Firma
Peters Erkenntnis: "Niemand hat auf noch einen Schoko-Baron gewartet. Ich muss jetzt was Eigenes produzieren - deshalb auch die Milch."
Das Milchfett-Problem
Das grosse Problem: Milchfett kann im Gegensatz zu Kakaobutter schnell ranzig werden
Peter selbst (Zitat aus späterer Rede): "Ein Geruch von schlechtem Käse oder starker Butter stieg mir in die Nase. Ich war verzweifelt. Aber was sollte ich tun?"
Florian (scherzhaft): "Sind das diese Wahnsinnigen von Zotter [österreichische Schokoladenfirma], die auch Schokolade mit Bergkäse-Geschmack verkaufen? Das wäre doch ein interessantes Weihnachtsgeschenk."
Die Lösung: Matthias: "Was er genau gemacht hat, könnt ihr in der aktuellen Schweizer Ausgabe der Zeit nachlesen [Werbung]."
WARUM Milch? - Die ökonomischen Hintergründe
Matthias: "Interessant und einfach verständlich sind die Gründe, weshalb Peter überhaupt auf die Idee mit der Milch kam."
Im 19. Jahrhundert:
1. Neue Getreidekammern:
- In den USA (Westen)
- In Südrussland
- Grosse Gebiete wurden neu erschlossen
2. Transportrevolution:
- Eisenbahn kam auf
- Dampfschiff kam auf
- Transport über lange Distanzen wurde möglich und kostengünstiger
3. Folgen für die Schweiz:
Für Schweizer Bauern:
- Getreideanbau lohnte sich nicht mehr
- War arbeitsintensiv und teuer
- Umstellung: Auch in Tälern und im Flachen auf Viehwirtschaft
Das Ergebnis: "Regelrechte Milchschwemme"
4. Geschäftsleute kamen:
Beispiel: Anglo-Swiss Condensed Milk Company
- Gegründet von Amerikanern George Page und Charles Page
- In Cham, Kanton Zug
- Erste Kondensmilchfabrik in Europa
Der Name ist heute kaum bekannt, ABER: "Aus dieser Anglo-Swiss Condensed Milk Company wurde - weil sie später mit einer Firma namens Nestlé fusionierte - der Weltkonzern selben Namens."
Die Globalisierungsgeschichte
Lenz fasst zusammen: "Ohne Getreide-Globalisierung in sehr entfernten Weltgegenden und die Transportmöglichkeiten, das Getreide nach Europa zu schaffen, hätte es quasi keine Toblerone gegeben?"
Matthias: "Zugespitzt kann man das so sagen."
Aber er präzisiert:
1. Toblerone gehört nicht zu Nestlé:
- Gehört zum US-Konzern Mondelez
- Enthält mehr als Milch: Honig und Nugat
- Erfunden von Schweizer Herr Tobler
- Heute produziert: Neben Bern auch in der Slowakei
Matthias: "So viel zur weiter sich drehenden Globalisierungsgeschichte."
Die Conche - Rudolf Lindts Erfindung
Matthias: "Die Milch war nicht der einzige Grund, warum Schweizer Schokolade so ein Ding wurde."
Das zweite Problem: Bröckelig, grieselig, nicht schmelzig
Rudolf Lindt erfand die Conche:
- Eine Maschine
- Rührt und knetet die Schokolademasse lange und ausführlich
- Hält sie dabei auf einer gewissen Temperatur
- Macht sie schmelzig (nicht mehr bröckelig, grieselig, sandig)
Florian: "Quasi der Hut drauf. Der Thermomix hat die Schokolade gerettet."
Matthias: "Genau. Und wie der Thermomix ist es einfach ein gutes Geschäft."
Marketing und PR - Der Schweizer Erfolg
Lenz (ironisch): "Es klingt wie ein Werbespruch: 'Unsere Schokolade bröckelt nicht, sie schmilzt.'"
Matthias: "Da steckt sehr viel und sehr gute PR-Arbeit dahinter."
Warum wurde Schweizer Milchschokolade so erfolgreich?
1. Monopolstellung (bis nach 1900):
- Schweizer waren die Einzigen, die solche Schokolade im grösseren Stil herstellen konnten
- Es gab Produzenten in England und Deutschland, aber die zogen erst später nach
2. PR und viel Kapital:
Die zentrale Marketing-Idee: "Mit diesen beiden Ingredienzen gelang es den Schweizer Schoko-Herstellern, die fixe Idee in den Köpfen der Kunden festzukleben oder festzutackern, dass:
- Milchschokolade nicht nur ein Genuss, sondern ein Nahrungsmittel ist
- Sie gesund ist (weil Milch drin ist)
- Sie besonders gesund ist, wenn sie aus der Schweiz kommt
- Wegen Alpennatur, Sennen, Kühen etc."
Das Milka-Beispiel
Milka - Eine Schweizer Geschichte (fast):
Lenz: "Milka ist heute in der Schweiz... [wartet auf Reaktion]"
Matthias (empört): "Niemand mehr! Wirklich nicht! Das ist bei uns auf Platz 1... Also ich weiss es nicht, aber ich finde: Wer Milka isst, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."
Florian: "Würde Karl Lagerfeld so sagen, und ich würde das unterschreiben."
Die wahre Geschichte:
- Wurde von Suchard erfunden
- Vor bald 125 Jahren
- Keine deutsche Schokolade
- Name: MILch + KAkao = MILKA
Matthias: "Milka ist mein Stichwort, um das Ganze in die Gegenwart zu bringen."
DIE GROSSE MILKA-PREISSCHLACHT IN DEUTSCHLAND
Das Problem
Lenz: "Hier tobt die grosse Schokoladen-Schlacht in Deutschland."
Was Milka gemacht hat (vor ein paar Monaten):
- Viele Tafeln von 100g auf 90g verkleinert
- Preise nicht entsprechend gesenkt
- Jetzt: 90g Schokolade für 2 Euro
- Lenz: "Für Deutsche Verhältnisse hohe Preise"
Die Kommunikation:
- Verkleinerung wurde nicht besonders offen kommuniziert
- Lenz: "Aus Unternehmenssicht nachvollziehen, aus Kundensicht schon ein bisschen nervig"
Die Konsequenzen:
1. Rechtliche Ebene:
- Handfeste Klage von Verbraucherschützern
2. Kundenseite:
- Ärger vieler Kunden
- Absatz in Europa um 7,5% zurückgegangen (im jüngsten Erhebungszeitraum)
3. Verbraucheraktion:
- Verkleinerte Tafel zur "dreistesten Werbelüge des Jahres" gekürt
Lenz: "Bis dahin eine einigermassen deprimierende Geschichte, aber dann kann der Kapitalismus ins Spiel und zeigte, was er kann."
Florian: "Das war der, der die Kühe lila gefärbt hat?"
Die Preisschlacht eskaliert
Warum die Schlacht?
- Weihnachtsgeschäft ist für Schokolade sehr wichtig
- Sowohl für Hersteller als auch für Handelsketten
Lenz: "Seit einigen Wochen ist eine wirklich atemberaubend wilder Battle um die Milka-Schokolade entbrannt."
Die Boykott-Bewegung:
- Ernstzunehmende Boykott-Aufrufe
- Auf Reddit: Threads mit Bildern von nicht angerührten Milka-Lagern
- Beweis: "Aus Protest kauft niemand mehr Milka"
Aber auch: Völlig leer geräumte Milka-Regale
Die Preis-Eskalation
Die Stufen:
Stufe 1 - Penny (und andere):
- Runter auf ca. 1 Euro pro Tafel
- Preissenkung um 50%
Stufe 2 - Lidl:
- 79 Cent pro Tafel
Stufe 3 - Seit diesem Montag:
- Aldi: 77 Cent
- Kaufland: Auch 77 Cent (quasi Minuten später)
Lenz' Reaktion: "Ich bin wirklich kurz davor, zum nächsten Supermarkt zu gehen, um mich einmal so richtig einzudecken mit diesem Krams - auch wenn ich dann die Kontrolle über mein Leben verloren habe in den Augen aller Schweizerinnen und Schweizer."
Schokolade und Identität
Matthias: "Es ist schon spannend, was Schokolade so für Emotionen hervorruft, überall."
Die drei Reaktionen:
- Schweizer (Matthias): Hält historischen Vortrag, hat drei Bücher gelesen, "dicke Dissertation"
- Deutscher (Lenz): Preisschlacht-Analyse
- Österreicher (Florian): [Kommt zu Mozartkugeln]
Matthias über Bücher:
- Roman Rosfels Dissertation: "Leider vergriffen, aber wirklich ein super Buch"
- Neues Buch: "Schweizer Schokolade" von Dominik Flammer
Schokolade als Identitätsstifter
Matthias: "Schokolade ist zumindest ein Teil - oder Schokoladeprodukte sind fast schon identitätsstiftend für unsere Länder."
Erinnerung: "Wir haben einmal eine Alpen-Ausgabe gemacht über Klischees aus unseren Ländern. Aufs Cover: Heidi, die in einem Ring aus Mozartkugeln jongliert."
Florian: "Mit Mozartkugeln jongliert. Damit ist Österreich und die Schweiz einfach perfekt zusammengefasst."
MOZARTKUGELN - Österreichs Schoko-Identität
Die Herkunft
Matthias (provokant): "Diese Mozartkugel, Florian, die wird doch mittlerweile in Deutschland gemacht?"
Florian verteidigt: "Also kommen tut sie schon von uns. Der [Erfinder] ist aus Salzburg, vom Konditor Fürst."
Lenz (patzig): "Ja, da wäre jetzt patzig bei sowas."
Florian (für Selbstvergewisserungsperformance): "Sie kommen aus Salzburg. In den 1880ern hat sie Robert Baumann erfunden."
Die deutsche Produktion
Florian räumt ein: "Aber was stimmt tatsächlich ist, dass sie in Deutschland gemacht wird."
Präzisierung:
- Nicht alle Mozartkugeln
- Es gibt mehrere Hersteller
- Aber viele kommen aus Deutschland
Das Wissen darüber: "Das weiss bei uns fast niemand, beziehungsweise es wird auch nicht gross rumerzählt."
Lenz: "Aber es steht drauf auf dem Packen."
Florian: "Es steht drauf, ja, ja, genau."
Mozartkugeln als nationales Gut
Trotz deutscher Produktion: "Egal wo sie hergestellt werden, sie sind für uns ein nationales Gut."
Beispiele:
- Austrian Airlines: Man kriegt eine Mozartkugel
- Lenz (spöttisch): "In einer deutschen Fluggesellschaft kriegst du eine deutsche Mozartkugel. Bin ich gut?"
Der Reddit-Vergleich
Florian: "Auf Reddit habe ich mal gelesen, die Mozartkugeln seien 'The Sound of Music der österreichischen Lebensmittel' - was ich auch eine sehr, sehr schöne Formulierung finde, und das stimmt auch."
Florian fügt hinzu: "Ich finde, man muss Manner-Schnitten dazu nehmen. Aber wenn man Manner-Schnitten und Mozartkugeln zusammen nimmt, dann passt das ganz gut."
Lenz (logisch): "Moment: Wenn Mozartkugeln der 'Sound of Music' der österreichischen Lebensmittel sind, dann essen Österreicherinnen und Österreicher selber also keine Mozartkugeln - weil sie ja auch nicht 'Sound of Music' schauen."
Florian: "Das ist jetzt klassisches Overthinking, finde ich."
Sound of Music Watch-Party: Lenz: "Aber wie ist jetzt eigentlich mit diesem Sound of Music, mit dieser Watch-Party?"
Florian: "Wir brauchen einen Termin."
Lenz: "Ihr macht das erstmal ohne mich. Ich bin auch vorhin mit dem Weihnachts-Schmelzen für dieses Jahr beschäftigt."
DIE SCHWEIZER SCHOKOLADE IM 20. JAHRHUNDERT
Zurück zur Schweiz
Florian (ironisch): "Bevor wir jetzt da völlig abdriften und unterzuckern... Du hast mich vorhin 'Mr. Chocolate' oder 'Chef Schokolatier' genannt."
Matthias korrigiert: "Nein, 'Schokomann' habe ich gesagt. Es geht um PR, warte, ich erkläre das gleich."
Die paradoxe Geschichte
Matthias: "Ich finde die Schweizer Schokoladegeschichte des 20. Jahrhunderts wirklich sausspannend. Eine schräge Sache."
Das Paradox: "Der Anteil der Schweizer Schokolade an den Weltexporten lag nie über 50 Prozent."
Was passierte:
- Als der Anteil am höchsten war (zur Hochzeit), krachte er nachher zusammen
- Im Verlauf der Jahrzehnte immer weiter gefallen
- Jetzt viel, viel niedriger
Warum? "Bei Massenprodukten haben hiesige Firmen keine Chance mehr:
- Standort viel zu teuer
- Oder sie wurden verkauft (Milka, Toblerone längst ins Ausland)"
Wie sich die Industrie dennoch hält
Matthias: "Trotzdem konnte sich die Industrie halten."
Die Strategien:
1. Qualitätsprodukte:
Halbfabrikat-Hersteller:
- Beispiel: Felchlin
- "Wird es bei euch auch geben"
Bean-to-Bar-Produzenten:
- "Das Schokoladen-Pendant zu den Craft-Brauereien"
- Zuhause ist der grösste oder einer der grössten in dem Bereich
- "Es gibt ganz kleine Klitschen"
Erklärung Bean-to-Bar: Florian: "Bean-to-Bar? Bone zum...?"
Matthias: "Nein, nicht Bean-to-Barn. Bean-to-Bar - von der Bohne zum Schokoriegel. B-A-R, Bar."
2. Günstige Standortbedingungen:
Barry Callebaut - Der Weltgrösste:
- Seit Ende der 1990er Jahre Sitz in der Schweiz
- Eigentlich französisch-belgisches Unternehmen
- Gehört der Jacobs-Familie
- Fabriken weltweit
Das Marketing-Geheimnis
Matthias: "Von wegen 'Maître Chocolatier' ist halt immer noch matchentscheidend."
Beispiel: Lindt & Sprüngli
Die Produkte: "Lindt-Kugeln, überzuckerte, klebrige Dinger - verkaufen die aber wie blöd."
Die Marketing-Strategie:
1. Preispolitik:
- Verkaufen NICHT bei Aldi und Lidl
- Nicht in Discounter
- Wollen die Preise halten
2. Prominente:
- Werbung mit Roger Federer
3. Der "Maître Chocolatier":
- Werbung mit Maître Chocolatier
- Suggestion: Alles noch von Hand gemacht
4. "Home of Chocolate":
- Riesiges Museum eröffnet
- Mit 9-Meter hohem Schokoladebrunnen
- Matthias (fassungslos): "Ein Schokolade-Museum, bei dem du als Kunde Eintritt bezahlst, um das Produkt der Firma begutachten zu dürfen. Auf diese Idee musst du auch erst mal kommen. Und die Leute kaufen's."
Florian: "Mein lieber Maître Chocolatier."
Matthias: "Maître Chocolatier, ui."
Die elitäre Debatte
Florian (provokant): "Nachdem du jetzt deine Verachtung für Marketing und deine Verachtung für Milka zum Ausdruck gebracht hast..."
Matthias wehrt sich: "Ich habe keine Verachtung! Ich bin wirklich fasziniert, wie viel man mit Marketing erreichen kann."
Florian: "Aber dich erreicht es offenbar nicht. Du stehst drüber und über der Milka-Schokolade, die nur Deutsche in Rabatt-Schlachten fressen. Welche Schokolade genügt denn deinen hohen schweizerischen Ansprüchen?"
Matthias' Schokoladen-Präferenzen
Matthias wehrt sich: "Ich weiss gar nicht, ob das so ein elitäres Ding ist."
Florian (spitz): "Da kommt's raus."
Matthias erklärt: "Nein, nein, weil: Es ist am Schluss auch nicht allzu typisch Schweizer Schokoladen-Geschmack. Wir sind zu viele, diese Dinge sind einfach zu süss."
Seine Vorlieben: "Ich habe gern dunkle Schokolade, Kakao-Anteil 60 bis 80 Prozent, vielleicht noch ein bisschen Fleur de Sel drin, oder feine Mandeln, oder Orange."
Florian (ironisch): "Kann nicht so ein elitäres Ding danach."
Lenz: "Paar Trüffel, bisschen Trüffel-Schokolade, Matthias?"
Matthias: "Trüffel oder Trüff?"
Lenz: "Trüffel, nicht Trüff."
Matthias: "Immer gerne."
Der Luxemburger-Li
Matthias schwärmt: "Oh, ist keine Schokolade, aber auch der Luxemburgerli aus dem Sprüngli - nicht von Lindt & Sprüngli, sondern aus dem Confiserie Sprüngli - den liebe ich."
Florian: "Der was?"
Matthias: "Der Luxemburgerli. Eine kleine Trüffel-Torte, eine Trüffel-Cake."
Florian (verwirrt): "Und die nennen es Luxemburgerli?"
Matthias: "Luxemburgerli."
Florian: "Ist es Merchandise von den Schatten [Anspielung auf Finanzplatz]?"
Matthias: "Die verstehen ja was vom Merchandising."
Florian (scherzhaft genervt): "Die spinnen, die Österreicher."
ABSCHLUSS-SEGMENT: "SPINNEN"
Kurt Waldheims Personalakt
Florian beginnt mit Star-Trek-Parodie: "Der Weltraum, unendliche Weiten. Dies sind die Abenteuer der Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2..."
Lenz (empört): "Sag einmal, Star Wars?! Es ist Star Trek, du Banause, was ist los mit dir?"
Florian: "So, jetzt muss ich wieder zurückkommen."
Die Voyager Golden Record
Florian erzählt: "Irgendwann in ein paar tausend Jahren werden Ausserirdische vielleicht darauf stossen auf diese Sonden. Auf diesen Artefakten der Menschheit, die in den 1970ern ausgeschickt worden sind, um das Sonnensystem zu erforschen und vielleicht auf eine fremde Spezies zu treffen."
Die goldene Schallplatte: "Dort werden sie dann eine goldene Schallplatte finden, die Golden Record."
Eine der ersten menschlichen Stimmen: "Die eines Österreichers: Kurt Waldheim."
Was Waldheim sagt: "Der war damals UN-Generalsekretär und erklärt freundlich, wer wir Erdenmenschen sind, was wir hoffen, was wir von der Zukunft erwarten."
Waldheims Nazi-Vergangenheit
Früher: "Waldheim war Wehrmachtssoldat, Offizier im Zweiten Weltkrieg am Balkan."
Das Verschweigen: "Über seinen Kriegsdienst - näher darüber sollte man lange Zeit besser nicht so genau hinschauen. Waldheim hat in seinen Lebensläufen zentrale Jahre einfach weglassen."
Die Waldheim-Affäre (1980er):
- Er wollte Bundespräsident werden (und wurde es)
- Führte zur "Waldheim-Affäre"
Internationale Historikerkommission (1988): Stellte fest: "Er war eben nicht nur ein harmloser Kanzlei-Offizier, sondern hat im Zusammenhang mit rechtswidrigen Vorgängen mitgewirkt und damit deren Vollzug erleichtert."
Das ORF-Interview
Waldheims Karriere:
- Bis 1971 im Aussenministerium
- War Diplomat
- War Aussenminister
In einem späteren ORF-Interview: Frage: Wie war es mit der Zeit im Krieg?
Waldheims patsige Antwort: "In den Personalakten im Aussenministerium würde alles stehen. Es macht sich noch niemand die Mühe, da einfach mal nachzuschauen."
Der gesperrte Akt - Der Skandal
Florian: "Das Problem: Waldheims Personalakt gehört zur geheimsten Geheimsache Österreichs - bis heute."
Der bürokratische Taschenspielertrick:
Die Situation:
- Seit kurzem gibt es ein Informationsfreiheitsgesetz in Österreich
- Auch davor sollte dieser Akt geschützt werden
Was das Aussenministerium gemacht hat: (Bericht von Tobias Holler im "Standard")
- Der Akt wurde ins Staatsarchiv verschoben
- Dort gilt plötzlich NICHT mehr das neue Transparenzrecht
- Sondern das alte Bundesarchivgesetz
- Folge: Der Akt bleibt bis 2033 gesperrt
Die Ironie
Florian: "Ausgerechnet dieses Aussenministerium wird übrigens heute von einer NEOS-Ministerin geführt."
Wer ist diese Ministerin?
- Hat als Abgeordnete 2013 den allerersten Antrag für ein Informationsfreiheitsgesetz eingebracht
- Ist eine "ganz grosse Transparenzverfechterin"
Florians Fazit
Die Doppelmoral: "Für Aliens im interstellaren Raum ist Österreich also seit 1977 extrem auskunftsfreudig. Sie bekommen Waldheims Stimme frei Haus geliefert."
"Aber für die eigenen Bürgerinnen und Bürger bleibt der Lebenslauf des früheren Staatsoberhauptes und UN-Generalsekretärs noch Jahrzehnte - noch ein Jahrzehnt - ein Staatsgeheimnis."
Florian persönlich: "Und ganz ehrlich: Mir war Waldheims Personalakt bis vergangene Woche völlig wurst. Aber jetzt will ich doch wissen, was drinnen steht."
Die Botschaft an die Aliens: "Vielleicht ist es die eigentliche Botschaft, die wir mit Voyager 1 und 2 ins All geschickt haben:
'Liebe Aliens, wenn ihr wirklich wissen wollt, wer wir sind - wir Menschheit - fragt nicht in Wien nach den Akten dazu. Die kriegt ihr nämlich nicht. Die sind dann im Archiv. Da spinnt die Bürokratie nämlich ordentlich.'"
ABSCHLUSS
Matthias: "Das war's diese Woche mit dem Transalpin-Podcast."
Was in den Ausgaben steht
Schweizer Ausgabe (Matthias):
- Reportage über Crack-Szene in Luzern (von Marlon Rusch)
- Über die Berner Band Pegasus Grand (von Tobi Müller) - "fantastisch, diese schwierigen Gitarren, diese Millennials"
- Matthias über Schokolade
Österreichische Ausgabe (Florian):
- Interview mit der Stylistin von Nina Tschirner (aus Graz) - "hat den Look einer ganzen Generation geprägt"
- Christian Bartler war auf einem "Corona-Skeptiker-Stammtisch" in Niederösterreich
Zeit Magazin Geschichte:
- Thema: Christentum und Islam
- Florian schrieb über Auseinandersetzung zwischen Habsburgern und Osmanen
- Dieser Text ist auch in Zeit Österreich
Deutsche Ausgabe: "Wer wissen will, was in Deutschland so los ist, kann den Rest der gedruckten Zeit lesen oder zeit.de."
Verabschiedung
Matthias: "Wir hören uns dann am kommenden Montag wieder zu einer etwas vorgezogenen Weihnachtsfolge."
Alle: "Bis dahin sagen wir: Wir denken, adieu und tschüss."
ENDE DES TRANSKRIPTS