Digitale Souveränität: Europa marschiert – die Schweiz findet ihren Tritt

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clarus.news | Analyse | 20. Juli 2026

von Andreas Binggeli und Ernst Anker

Sieben Monate nach dem 10-Millionen-Coup im Bundeshaus zieht die Armee die erste Konsequenz: Das Kommando Cyber ersetzt Microsoft 365 bis Oktober durch die Open-Source-Lösung openDesk. Der Ständerat fordert derweil ein Impulsprogramm – erneut gegen den Willen des Bundesrats. Frankreich setzt seine Linux-Weisung vom April in Industrieallianzen um. Die EU-Kommission hat im Juni ein ganzes Souveränitätspaket vorgelegt. Und Deutschland exportiert Software, deren Nutzen es selbst kaum realisiert. Eine Standortbestimmung.


Schweiz: Vom Bericht zum ersten Marschbefehl

Die Schweizer Debatte hat seit November 2025 einen offiziellen Rahmen. Der Bundesrat verabschiedete am 26. November den Bericht «Digitale Souveränität der Schweiz» in Erfüllung des Postulats 22.4411 Z'graggen. Er definiert digitale Souveränität als «Kontroll- und Handlungsfähigkeit des Staates im digitalen Raum». Autarkie ist explizit nicht das Ziel. Eine interdepartementale Arbeitsgruppe unter Führung des VBS (SEPOS), zusammen mit Bundeskanzlei und EDA, soll Risiken erfassen und Massnahmen vorschlagen. Dazu gehören auch völkerrechtliche Instrumente zum Schutz behördlicher Daten vor fremdem Staatszugriff.

Die Strategie Digitale Schweiz 2026 erhebt die digitale Souveränität zum Fokusthema – neben E-ID und digitalem Gaststaat. So weit die Papierlage.

Das Parlament will mehr. Am 10. Juni 2026 nahm der Ständerat die Motion 26.3221 Z'graggen für ein Impulsprogramm zur Stärkung der digitalen Souveränität an – mit 30 zu 7 Stimmen. Gefordert ist eine Anschubfinanzierung für Pilotprojekte in digitalen Infrastrukturen, Open Source, Cybersecurity und KI. Der Bundesrat empfahl die Ablehnung. Bundespräsident Guy Parmelin verwies auf laufende Arbeiten und die angespannte Finanzlage. Das Muster ist bekannt: Schon den 10-Millionen-Kredit für eine Microsoft-Alternative der Armee setzte das Parlament im Dezember 2025 gegen den Bundesrat durch.

Genau dieser Kredit trägt nun erste Früchte. Wie die «Republik» am 9. Juli publik machte und die Bundeskanzlei bestätigte, ersetzt das Kommando Cyber Microsoft 365 bis Oktober 2026 vollständig durch openDesk. Die Kollaborationsplattform stammt vom deutschen Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS). Auslöser bleibt der Befund des früheren Armeechefs Thomas Süssli: Klassifizierte Dokumente dürfen nicht in die Microsoft-Cloud, der Cloud Act erlaubt US-Behörden den Datenzugriff. Nationalrat Gerhard Andrey kommentierte gegenüber der «Republik»: «Es freut mich sehr, dass die Armee zeigt: Es geht.»

Der Kontrast zur zivilen Verwaltung bleibt schroff. Rund 40'000 Bundesarbeitsplätze wurden eben erst auf die neue Microsoft-365-Version migriert. Bundeskanzler Viktor Rossi erklärte an den Swiss Cyber Security Days im Februar, eine komplette Abkehr von Microsoft sei kaum realistisch. Kritische Systeme müssten aber unter eigene Kontrolle gebracht werden können. Die Swiss Government Cloud (Realisierung 2025 bis 2032) soll dafür das Fundament liefern. Die EFK monierte jedoch Ende 2025, der wirtschaftliche Gesamtnutzen sei noch nicht aufgezeigt. Und die Datenschutzkonferenz privatim verabschiedete im November 2025 eine Resolution, die sich als De-facto-Verbot von Hyperscalern in der Verwaltung lesen lässt.

Frankreich: Von der Weisung zur Allianz

Frankreich hat seit der DINUM-Weisung vom 8. April 2026 nicht nachgelassen. Alle Ministerien müssen bis Herbst 2026 Migrationspläne vorlegen – über den gesamten Stack: Betriebssysteme, Kollaborationstools, Antivirensoftware, KI, Datenbanken, Virtualisierung und Netzwerktechnik. Rund 2,5 Millionen Beschäftigte sind betroffen. Die DINUM selbst wechselt von Windows auf Linux.

Was hat sich seither verändert? Dreierlei. Erstens die Marktdimension: Im Juni fanden die ersten «rencontres industrielles du numérique» statt. Dort soll eine öffentlich-private Allianz für europäische Souveränität entstehen – von Antivirenlösungen bis zu KI-Plattformen. Der Staat tritt als Nachfragebündler auf, nicht nur als Regulierer. Zweitens die Referenzarchitektur: Die DINUM benennt die Gendarmerie mit ihren über 100'000 Linux-Rechnern offiziell als Governance-Modell für den nationalen Rollout. Frankreich skaliert also einen dokumentierten Erfolg, kein Experiment. Drittens die Ehrlichkeit über die Grenzen: Als schwierigste Phase gilt die Ablösung von Fachanwendungen in Gesundheit, Verteidigung und Finanzaufsicht, die nur unter Windows laufen.

Die Widersprüche bleiben. Das Bildungsministerium verlängerte seinen Microsoft-Rahmenvertrag über 152 Millionen Euro bis 2029. Und der Europäische Datenschutzbeauftragte hatte die Microsoft-365-Nutzung der EU-Institutionen bereits zuvor beanstandet – die Kommission besserte nach. Doch der strukturelle Unterschied zur Schweiz gilt weiterhin: Frankreich hat eine zentrale Instanz mit Fristsetzungskompetenz.

Deutschland: Diagnose schwach, Export stark

Für Deutschland fällt die externe Diagnose ernüchternd aus. Der erste Global Sovereignty Forecast von Forrester sieht die technologische Souveränität des Landes bis 2030 nur von 34 auf 36 Prozent steigen. China erreicht 82 Prozent, die USA 79 Prozent.

Gleichzeitig liefert Deutschland das derzeit erfolgreichste Exportprodukt der europäischen Souveränitätsbewegung: openDesk. Dass ausgerechnet die Schweizer Armee darauf setzt, ist die vielleicht beste Referenz für das ZenDiS. Schleswig-Holstein hatte Anfang 2026 rund 80 Prozent seiner 30'000 Arbeitsplätze auf Linux und LibreOffice migriert. Medienberichte beziffern die jährlichen Lizenzeinsparungen auf 15 bis 16,5 Millionen Euro. Auf Bundesebene ist Open Source laut Branchenberichten seit März 2026 vergaberechtlich der Regelfall bei Neuentwicklungen. Die Lücke zwischen Länder-Pionieren und träger Bundes-IT bleibt dennoch das deutsche Kernproblem.

Dänemark, Österreich, Estland: Die Breite der Bewegung

Dänemark verfolgt den pragmatischen Weg. Nach dem Microsoft-Ausstieg des Digitalministeriums (angekündigt Juni 2025) übergab Statens IT am 15. Dezember 2025 den ersten Microsoft-freien Behörden-PC an die Strassenverkehrsbehörde. Im Frühjahr 2026 startete das Pilotprojekt mit rund 600 Mitarbeitenden auf Linux und LibreOffice. Bis Ende 2026 sollen laut Regierungszielen bis zu 15'000 Staatsangestellte umgestellt sein. Auch Kopenhagen und Aarhus haben entsprechende Schritte eingeleitet.

Österreichs Bundesheer migriert auf LibreOffice. Estland plant laut Medienberichten für Herbst 2026 einen Pilotversuch für eine IT-Infrastruktur ganz ohne US-Anbieter; 15'000 Arbeitsplätze sollen in zwei Jahren folgen. Die Niederlande, Finnland und Belgien ziehen Berichten zufolge sensible Daten aus US-Cloud-Diensten ab. Der Trend ist keine Einzeltat mehr, sondern eine Bewegung.

Europa koordiniert sich – mit eingebautem Widerspruch

Die Koordination hat seit November 2025 institutionelle Form. Am Summit on European Digital Sovereignty in Berlin (18. November) versammelten Deutschland und Frankreich Digitalministerinnen und -minister aus 23 Staaten und über 900 Teilnehmende. Eine «Declaration for European Digital Sovereignty» wurde unterzeichnet. Berlin und Paris setzten eine gemeinsame Taskforce ein: Sie soll definieren, was ein «europäischer digitaler Dienst» ist, und Souveränitätsindikatoren für Cloud, KI und Cybersicherheit entwickeln. Die Resultate werden am Deutsch-Französischen Ministerrat 2026 präsentiert. Zur VivaTech im Juni legten beide Länder bereits eine gemeinsame Definition digitaler Souveränität vor.

Am 3. Juni 2026 folgte Brüssel mit dem European Tech Sovereignty Package: Chips Act 2.0, ein Cloud and AI Development Act sowie eine eigene Open-Source-Strategie. Die Kommission beziffert die jährlichen europäischen Ausgaben für aussereuropäische Digitalprodukte auf über 260 Milliarden Euro. Die Strategie will quelloffene Alternativen ausbauen und deren Einsatz in Verwaltungen fördern. Kritiker wie netzpolitik.org halten fest: Rechtlich bindend ist davon bislang nichts. Ob die angekündigte Vergaberechtsreform das ändert, ist offen.

Der eingebaute Widerspruch: Dieselben Regierungen, die Souveränität beschwören, fordern die Verschiebung der Hochrisiko-Bestimmungen des AI Act um zwölf Monate und DSGVO-Lockerungen im Digital-Omnibus. Souveränität und Deregulierung laufen im selben Paket – nicht immer in dieselbe Richtung.

Und die Schweiz? Sie sass in Berlin nicht am Tisch und ist vom EU-Paket nicht erfasst. Die Anbindung geschieht von unten: Die Armee nutzt deutsche Software, das EMBAG verpflichtet zur Quellcode-Offenlegung, das Sprachmodell Apertus aus der Swiss AI Initiative liefert einen eigenen KI-Baustein. Das im Juli 2025 gegründete Netzwerk «Souveräne Digitale Schweiz» zählt inzwischen über 200 Organisationen. Seit 2017 wurden hierzulande auf allen Staatsebenen mehr als 40 Vorstösse zur digitalen Souveränität eingereicht. Der Wille ist da. Die Exekutivkompetenz – das zeigte schon unsere Analyse zum NDP-Projekt der Armee – bleibt die offene Flanke.

Fazit: Das Parlament als Souveränitätsmotor

Die Bilanz nach sieben Monaten: Frankreich exekutiert mit Fristen, Deutschland exportiert trotz schwacher Eigenbilanz, Dänemark liefert den Praxisbeweis im Kleinen, die EU baut den Rahmen. Die Schweiz hat definiert, berichtet – und einen ersten echten Vollzug: das Kommando Cyber.

Bemerkenswert ist, wer in Bern treibt. Zweimal innert sechs Monaten hat das Parlament den Bundesrat überstimmt: beim Armeekredit im Dezember, beim Impulsprogramm im Juni. Der Bundesrat setzt auf «kontrollierte Abhängigkeit», Arbeitsgruppen und die Swiss Government Cloud. Das Parlament setzt auf Anschubfinanzierung und Vollzug. Frankreich zeigt, dass beides zusammengehört: Definitionen ohne Fristen bleiben Papier. Die Armee hat den Beweis angetreten, dass es geht. Die Frage lautet nun, wann die 40'000 zivilen Arbeitsplätze des Bundes folgen – und wer dafür die Frist setzt.


Kernaussagen

  • Das Kommando Cyber der Armee ersetzt Microsoft 365 bis Oktober 2026 durch openDesk – erster konkreter Vollzug der Schweizer Souveränitätspolitik.
  • Der Ständerat hat am 10. Juni 2026 ein Impulsprogramm für digitale Souveränität beschlossen (30:7) – erneut gegen die Empfehlung des Bundesrats.
  • Frankreich setzt seine April-Weisung um: Roadmap-Pflicht bis Herbst 2026, Industrieallianzen seit Juni, Gendarmerie als Governance-Modell.
  • Die EU-Kommission legte am 3. Juni 2026 das Tech Sovereignty Package vor (Chips Act 2.0, Cloud and AI Development Act, Open-Source-Strategie); rechtlich bindend ist es noch nicht.
  • Deutschland und Frankreich koordinieren über eine Taskforce und eine gemeinsame Souveränitätsdefinition; Dänemark, Österreich und Estland verbreitern die Bewegung.
  • Die Schweiz ist institutionell nicht eingebunden, dockt aber faktisch an – über openDesk, EMBAG und Apertus.

Kritische Fragen

  1. Evidenz: Der Forrester-Index und die 260-Milliarden-Schätzung der EU-Kommission beruhen auf eigenen Methodiken. Wie transparent und unabhängig überprüfbar sind Gewichtung und Datenbasis?
  2. Evidenz: Der Bundesrat attestiert der Verwaltung eine «gute Übersicht» über ihre digitalen Ressourcen. Welche unabhängige Prüfung stützt diese Selbsteinschätzung?
  3. Interessenkonflikte: Dienstleister und Verbände (ZenDiS, Netzwerk SDS, Open-Source-Firmen) profitieren direkt vom Souveränitätsdiskurs. Wie wird deren Einfluss auf Beschaffungsentscheide transparent gemacht?
  4. Interessenkonflikte: Die Bundeskanzlei schloss den Microsoft-365-Vertrag ab und begleitet nun die openDesk-Migration der Armee. Wie geht sie mit diesem Rollenkonflikt um?
  5. Kausalität: Führen Office-Migrationen tatsächlich zu mehr Souveränität – oder verschiebt sich die Abhängigkeit nur zu Fachapplikationen, Hardware und Chips, wo Europa schwach bleibt?
  6. Kausalität: Wäre eine völkerrechtliche Absicherung behördlicher Daten (Staatenimmunität) wirksamer als technische Migrationen – oder braucht es zwingend beides?
  7. Umsetzbarkeit: Das Kommando Cyber zählt IT-affine Spezialisten. Lässt sich der Oktober-Zeitplan auf die breite Bundesverwaltung mit 40'000 Arbeitsplätzen übertragen?
  8. Risiken: Der Bundesrat lehnte das Impulsprogramm aus Spargründen ab. Was kostet die Nicht-Umsetzung – etwa bei Lizenzkosten, Lock-in und Krisenresilienz?

Quellenverzeichnis

Eigene Beiträge:

  • clarus.news: «Frankreichs digitale Souveränität: Von der Strategie zur konkreten Umsetzung», 13.04.2026
  • clarus.news: «Souveränität: Deutschland hinkt bei technologischer Unabhängigkeit weiter hinterher», 19.07.2026
  • clarus.news: «Digitale Souveränität: Frankreich packt die grössere Kiste an», 14.04.2026

Schweiz:

  • Bundesrat: Bericht «Digitale Souveränität der Schweiz» (Postulat 22.4411), 26.11.2025 – admin.ch ✓
  • Bundeskanzlei: Strategie Digitale Schweiz 2026, 12.12.2025 – news.admin.ch / digital.swiss ✓
  • Motion 26.3221 Z'graggen «Impulsprogramm zur Stärkung der digitalen Souveränität» – parlament.ch; Annahme Ständerat 10.06.2026: inside-it.ch, netzwoche.ch, itmagazine.ch ✓
  • Republik: «Die Cyber-Spezialisten des Bundes kehren Microsoft den Rücken», 09.07.2026 ✓
  • Blick: «Kommando Cyber mustert Microsoft aus», 16.07.2026 ✓ | Netzwoche, 13.07.2026 ✓
  • EFK: Prüfung Schlüsselprojekt Swiss Government Cloud (Business Case), Dez. 2025 ✓
  • MQ: Rückblick Swiss Cyber Security Days 2026 (Keynote Rossi), Feb. 2026 ✓ (Einzelquelle, Tagungsbericht)
  • Bär & Karrer: Briefing Cloud-Nutzung und digitale Souveränität (privatim-Resolution), 16.04.2026 ✓
  • Netzwoche: «Digitale Souveränität beginnt mit Transparenz» (Stürmer, Netzwerk SDS), 12.06.2026 ✓

Frankreich:

  • heise online: «Frankreichs Plan: Weg von Windows, hin zu Linux», 10.04.2026 ✓
  • Vergabeblog: «Frankreichs Linux-Offensive», 16.04.2026 ✓
  • Martin Cid Magazine / borncity (Gendarmerie als Modell, Fachanwendungen), April 2026 ✓

Deutschland / weitere Länder:

  • heise: Forrester Global Sovereignty Forecast (via clarus-Analyse) ✓
  • borncity / Martin Cid: Schleswig-Holstein, ca. 80 % von 30'000 Arbeitsplätzen migriert ✓
  • securecloud.de-Blog: «Microsoft-Exit: Dänemark zeigt den pragmatischen Weg» (mit Verweis auf DR, Ingeniøren, heise), 15.05.2026 ✓
  • heise / The Record: Dänisches Digitalministerium verlässt Microsoft, Juni 2025 ✓
  • it-boltwise: Österreich (Bundesheer), Estland (Pilot Herbst 2026) – Einzelquelle, mit Attribution ✓

Europa:

  • BMDS / Bundesregierung / Élysée: Summit on European Digital Sovereignty, 18.11.2025 (Declaration, Taskforce, AI-Act-Moratorium, Digital-Omnibus) ✓
  • BMDS: Gemeinsame deutsch-französische Definition digitaler Souveränität, 17.06.2026 ✓
  • Europäische Kommission: European Tech Sovereignty Package (Chips Act 2.0, CADA, Open-Source-Strategie), 03.06.2026 ✓
  • netzpolitik.org: «Neue Töne aus Brüssel», 08.06.2026 ✓ | Table.Briefings, 14.06.2026 ✓

Verifizierungsstatus: ✓ 19.07.2026 (Websuche und Quellenabgleich; Einzelquellen sind gekennzeichnet)


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 19.07.2026


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