Rechenzentren der Schweiz: Der Bund baut für die Souveränität – und schweigt zu Strom, Wärme und Wasser
clarus.news | Analyse | 21. Juli 2026
von Thierry Leserf, Ernst Anker und Andreas Binggeli mit Unterstützung von Claude Faible
Der Bund hat sich erstmals eine Rechenzentren-Strategie gegeben. Das Papier SB022 der Bundeskanzlei, seit 9. Juni 2025 in Kraft, ordnet die eigenen Rechenzentren der digitalen Souveränität unter. Es definiert zwei Anforderungsstufen und plant Standorte bis 2044. Doch die Themen, die den europäischen Rechenzentren-Boom prägen – Stromhunger, Abwärme, Wasser, fehlende Umweltprüfungen – kommen darin praktisch nicht vor. Derweil preschen einzelne Kantone vor. Und die Gemeinden verhandeln weitgehend allein mit den Betreibern.
Was der Bund macht: Beton für die Souveränität
Die Bundeskanzlei hat die Strategie «Rechenzentren der zivilen Bundesverwaltung» in enger Zusammenarbeit mit den Departementen erarbeitet. Der Bundesrat wurde am 25. Juni 2025 darüber informiert. Der Grundsatz ist klar formuliert: «Eigene Informatik ist eine der Voraussetzungen für digitale Souveränität.»
Die Strategie unterscheidet zwei Stufen. RZ-Stufe III entspricht dem gängigen Industrieangebot. Hier darf der Bund ergänzend kommerzielle Rechenzentren anmieten – oder solche der Kantone nutzen. RZ-Stufe IV stellt höhere Anforderungen an Informationsschutz, Verfügbarkeit und souveränen Betrieb. Diese Stufe wird ausschliesslich in bundeseigenen Anlagen erbracht. Sie hat langfristig Priorität.
Der Standortverbund umfasst zwei Metro-Regionen. In Bern wird das bestehende Primus ab 2026 renoviert, mit Lebensdauer bis 2044. Der Zeitdruck ist real: Die Kältemittel der Kühlsysteme dürfen nur bis 2030 betrieben werden. Als Ersatz soll ab 2040 der Neubau Nubes bereitstehen – Kostenpunkt: ein tiefer dreistelliger Millionenbetrag. Neu integriert wird Comes, ein bestehendes Rechenzentrum ausschliesslich für Stufe IV. In der Ostschweiz steht das militärisch-zivile Campus; bei Bedarf wird im Raum Frauenfeld Platz angemietet («Navis»). Gehärtete Castell-Standorte des VBS dienen der langfristigen Datensicherung.
Bemerkenswert konkret ist eine Vorgabe: Produkte der Stufe IV müssen 24 Monate ohne externe Abhängigkeiten funktionieren – ohne Internetverbindung, ohne Lizenzcodes. Das ist eine direkte Antwort auf geopolitische Risiken und Cloud-Act-Debatten.
Parallel läuft die Swiss Government Cloud (SGC) des BIT, angelegt auf 2025 bis 2032, mit Gesamtkosten von 319,4 Millionen Franken. Sie deckt die Cloud-Stufen I bis III ab. Die EFK prüft das Schlüsselprojekt systematisch; die mehrfach verschobene Ausschreibung sollte laut EFK-Bericht per Februar 2026 lanciert werden. Die Rahmenverträge «Public Clouds Bund» mit fünf Hyperscalern wurden im September 2025 um fünf Jahre verlängert.
Die Kantone: Vom Standortmarketing zur Abwärmepflicht
Auf kantonaler Ebene kippt die Stimmung. Der Schaffhauser Kantonsrat hat im Juni 2026 einen Vorstoss angenommen: Die Abwärme von Rechenzentren muss künftig genutzt werden. Auslöser ist Beringen. Dort baut die US-Firma Stack Infrastructure eine 36-Megawatt-Anlage. Sie dürfte den Strombedarf des Kantons um rund 70 Prozent erhöhen. Das Baugesuch wurde in rund drei Monaten bewilligt – eine Umweltverträglichkeitsprüfung war nicht nötig. Der Kanton muss nun seinen Energieplan überarbeiten. Für Juli ist ein Protestcamp angekündigt.
Der Kanton Zürich kennt bereits verbindliche Regeln. Rechenzentren mit mehr als 2 GWh Abwärme müssen überschüssige Wärme zu Gestehungskosten an Dritte abgeben. Grössere Anlagen sind in die regionale Energieplanung aufzunehmen. Im Baubewilligungsverfahren ist die Machbarkeit der Wärmeauskopplung nachzuweisen. (Hinweis: einfach belegt, Verifizierung am Gesetzestext ausstehend.)
Die Kompetenzfrage ist politisch umstritten. Der Schaffhauser FDP-Ständerat Severin Brüngger warnt vor nationaler «Regulierungswut»: «Ich glaube, die Kantone sind hier in der Pflicht.» Die Grüne Nationalrätin Marionna Schlatter hält dagegen: Strom-, Wasser- und Abwärmefragen bräuchten nationale Regeln. Unbestritten ist ein Befund: Eine Gesamtübersicht über den Ressourcenverbrauch der Schweizer Rechenzentren fehlt. Der Bund räumt selbst ein, nicht zu wissen, welche KI-Modelle hierzulande betrieben werden.
Beim Zugang zur Bundesinfrastruktur bleiben die Kantone aussen vor. Die RZ-Strategie erlaubt ihnen die Nutzung nur auf Stufe IV – maximal zwei Racks, ohne eigenen Zutritt, betrieben durch Bundespersonal. Umgekehrt behält sich der Bund vor, seinen Stufe-III-Bedarf in kantonalen Rechenzentren zu decken. Immerhin: Das im April 2026 gestartete Schweizer Zentrum für digitale Souveränität vernetzt 31 Behörden und Firmen. Das zugehörige Netzwerk SDS zählt über 160 Mitglieder. Bund, Kantone und Gemeinden tauschen sich dort aus – verbindlich ist nichts.
Die Gemeinden: Baupolizei statt Verhandlungsmacht
Für kommerzielle Rechenzentren ist die Gemeinde meist die erste und einzige Bewilligungsinstanz. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung greift nach Bundesrecht nur in Extremfällen: bei fossilen Notstromanlagen über 50 MWth oder bei sehr grossen Brennstofftanks. Der Bund stellt über EnergieSchweiz einen Ratgeber für Kantone und Gemeinden bereit – Empfehlungen, keine Pflichten.
Die Verhandlungsposition ist strukturell schwach. Anders als deutsche Gemeinden, die pro Megawatt substanzielle Gewerbesteuern erzielen können, fehlt in der Schweiz ein vergleichbares Anreizsystem. Hinzu kommt ein Zeitproblem: Rechenzentren haben Lebenszyklen von 10 bis 15 Jahren, Wärmenetze von 30 bis 40 Jahren. Wer ein Fernwärmenetz auf ein einzelnes Rechenzentrum abstützt, trägt ein Klumpenrisiko. Genau diese Fragen müssten vor der Baubewilligung geklärt sein – dafür fehlen den meisten Gemeinden Wissen und Hebel.
Der Abgleich: Was die Bundesstrategie ausblendet
clarus.news hat die Rechenzentren-Debatte in Europa kürzlich entlang von vier Konfliktfeldern analysiert: Regulierungslücken, Abwärmeverschwendung, finanzielle Asymmetrie, lokaler Widerstand. Der Abgleich mit dem vollständigen Strategiepapier SB022 ernüchtert:
Abwärme: kein einziges Vorkommen im Dokument. Dabei stehen mit der Primus-Renovation ab 2026 und dem Neubau Nubes genau jene Projekte an, bei denen Wärmeauskopplung planbar wäre. Der Bund würde damit nur einfordern, was Zürich Privaten bereits vorschreibt.
Strom und Klima: Die «Ökologische Optimierung» umfasst zwei Punkte – «Stand der Technik» und die Primus-Renovation. Verbindlich ist einzig die Zertifizierung nach ISO 50001 (Energiemanagement) für beide Stufen. Effizienzziele, Herkunft des Stroms oder Netzverträglichkeit: Fehlanzeige.
Wasser: Wasserkühlung erscheint nur als bestellbares Produkt im Anhang. Der Ressourcenaspekt – in Beringen wird Trinkwasser zur Kühlung eingesetzt – bleibt unerwähnt.
Umweltprüfung und Akzeptanz: Die Standortsuche für Nubes wird mit «komplexen Anforderungen und Auflagen» begründet, die 13 bis 15 Jahre beanspruchen. Welche Auflagen das sind, ob eine UVP freiwillig erfolgt und wie die Standortbevölkerung einbezogen wird, sagt die Strategie nicht.
Fairerweise: SB022 ist eine IT-Strategie, kein Energiepapier. Doch der Bund fordert von der Privatwirtschaft Vorbildlichkeit ein – und lässt bei den eigenen Bauten offen, ob er sie selbst erbringt.
Souveränität: Stark im Keller, dünn im Stack
Aus Souveränitätssicht ist die Strategie ein Fortschritt mit klaren Grenzen. Die 24-Monate-Autarkie für Stufe IV ist griffig und überprüfbar. Die Trennung der Betriebssysteme zur Vermeidung zirkulärer Abhängigkeiten ist durchdacht.
Doch die Strategie definiert Rechenzentren bewusst eng: Platz, Strom, Kühlung, Zutritt. Der Betrieb von IT- und Cloud-Plattformen ist explizit ausgeklammert. Die Souveränität endet damit an der Rack-Kante. Was darüber läuft, entscheidet sich anderswo – etwa bei der Virtualisierungsschicht. Die Armee zeigt mit der NDP und ihrer Abhängigkeit von Broadcom/VMware, wie schnell souveräner Beton und unsouveräne Software zusammenkommen.
Dieselbe Spannung prägt die SGC: Gemäss Botschaft sollen bis 2032 rund 68 Prozent der Nutzung auf ausländische Hyperscaler entfallen, nur 22 Prozent auf bundeseigene Rechenzentren. Das Parlament fordert inzwischen eine stärkere Private Cloud. Die Ausschreibung 2026 wird zum Testfall.
Ungeklärt bleibt schliesslich die föderale Dimension. Kantone und Gemeinden verwalten Steuerdaten, Gesundheitsdaten, Polizeidaten – souveränitätsrelevant wie Bundesdaten. Eine gemeinsame, föderal gedachte Infrastrukturarchitektur existiert nicht. Zwei Racks pro Kanton sind kein Angebot, sondern ein Symbol.
Kernaussagen
- Der Bund verankert digitale Souveränität erstmals baulich: zwei RZ-Stufen, 24-Monate-Autarkie für Stufe IV, Standortplanung bis 2044.
- Energie, Abwärme, Wasser und Umweltprüfung fehlen im Strategiepapier fast vollständig; verbindlich ist nur ISO 50001.
- Kantone regulieren zunehmend selbst (Zürich, Schaffhausen), erhalten aber kaum Zugang zur Bundesinfrastruktur.
- Die Souveränität endet an der Rack-Kante: Der Software-Stack darüber bleibt von Hyperscalern und US-Lizenzen abhängig.
Kritische Fragen
- Evidenz: Welche quantitative Bedarfsprognose liegt der Dimensionierung von Nubes zugrunde – und wird sie mit den Prüfpunkten 2030 und 2035 öffentlich nachvollziehbar?
- Evidenz: Warum existiert keine nationale Statistik zum Strom-, Wasser- und Flächenverbrauch der Schweizer Rechenzentren, obwohl der Bund deren strategische Bedeutung betont?
- Interessen: Der Bund verlängert Verträge mit US-Hyperscalern um fünf Jahre und predigt gleichzeitig Souveränität. Wer in der Verwaltung profitiert vom Status quo der Public-Cloud-Nutzung?
- Interessen: Weshalb schreibt Zürich Privaten die Abwärmeabgabe vor, während der Bund für eigene Neubauten keine entsprechende Selbstverpflichtung formuliert?
- Kausalität: Führt die 24-Monate-Autarkie tatsächlich zu Handlungsfähigkeit im Krisenfall – oder verschiebt sie die Abhängigkeit nur von Lizenzen zu Ersatzteilen und Fachpersonal?
- Kausalität: Ist die Zweiteilung in Stufe III und IV eine Sicherheitslogik – oder faktisch eine Sparlogik, die den Grossteil der Verwaltung dauerhaft in kommerzielle Infrastruktur lenkt?
- Umsetzbarkeit: Standortsuche, Bau und Migration von Nubes benötigen 17 bis 19 Jahre. Was passiert, wenn sich das Projekt wie andere Bundes-IT-Vorhaben verzögert und Primus 2044 vom Netz muss?
- Umsetzbarkeit: Können Gemeinden wie Beringen Auflagen wie Wärmeauskopplung durchsetzen, ohne dass Projekte in Nachbarkantone mit tieferen Anforderungen abwandern?
Fazit
Die Schweiz hat beim Thema Rechenzentren drei Geschwindigkeiten. Der Bund plant souveräne Infrastruktur in Jahrzehnten – solide, aber blind für Energie- und Umweltfragen. Einzelne Kantone reagieren auf konkrete Grossprojekte mit ersten Auflagen – spät, aber immerhin. Die Gemeinden schliesslich bewilligen, was kommt – ohne Prüfpflichten, ohne Anreize, ohne Gegenleistung.
Die Bundesstrategie beantwortet die Frage, wo klassifizierte Daten sicher liegen. Sie beantwortet nicht, wer die Wärme nutzt, wer den Strom priorisiert und wer die Software kontrolliert. Frankreich behandelt digitale Infrastruktur als strategische Gesamtfrage. Die Schweiz behandelt sie als Immobilienprojekt mit Sicherheitszonen. Das ist ein Anfang. Es ist nicht das Ende der Aufgabe.
Quellen:
- Bundesrat/BK: Medienmitteilung «Neue Strategie für die Rechenzentren des Bundes», 25.06.2025 (admin.ch) – verifiziert
- Bundeskanzlei: SB022 – Strategie Rechenzentren der zivilen Bundesverwaltung, gültig per 09.06.2025 (Volltext-PDF) – verifiziert
- clarus.news: «Rechenzentren in Europa: Der rasante Boom zwischen Klimawandel und digitaler Notwendigkeit», 21.07.2026
- SRF: «Stromfressende Rechenzentren werden in der Schweiz zum Politikum», Juni 2026 – verifiziert
- AlgorithmWatch CH: Recherche «Rechenzentren in der Schweiz», November 2025 – verifiziert
- EnergieSchweiz/BFE: «Rechenzentren – wichtige Tipps für Kantone und Gemeinden» – verifiziert
- BFE-Magazin energeiaplus: «Mit Rechenzentren Gebäude heizen», August 2023 – verifiziert
- Bundesrat: Botschaft Swiss Government Cloud, 22.05.2024; BK: Verlängerung «Public Clouds Bund», 12.09.2025 – verifiziert
- Netzwoche: SGC-Kreditdebatte (Hyperscaler-Anteil gemäss Botschaft, via Republik) – sekundär belegt
- dnip.ch: «Swiss Government Cloud-Ausschreibungen», 19.01.2026 (unter Verweis auf EFK-Bericht) – einfach belegt
- Velasolaris-Fachbeitrag zu Abwärmevorgaben Kanton Zürich, März 2026 – einfach belegt, Gesetzesverifizierung ausstehend
Verifizierungsstatus: ✓ 21.07.2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt (mit Claude). Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 21.07.2026
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