Klimawandel-Werkzeuge für Wald, Landwirtschaft und Gewässer: Schweizer Forschungsprogramm stellt Planungshilfen bereit
von Beate Kittl (Medienverantwortliche Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL)
Kurzfassung
Das Schweizer Forschungsprogramm Impacts «Ökosystemleistungen» der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), durchgeführt im Rahmen des NCCS, hat mehrere digitale Webapps entwickelt, um die Auswirkungen des Klimawandels auf Wald, Landwirtschaft und aquatische Ökosysteme sichtbar zu machen. Die Tools zeigen standortspezifisch, wie sich natürliche Ressourcen und deren Leistungen künftig verändern könnten. Ziel ist es, Entscheidungsträger:innen in Politik, Verwaltung und Privatwirtschaft bei der Planung von Anpassungsmassnahmen zu unterstützen. Das Programm läuft von 2022 bis 2026; alle Ergebnisse sind bereits gebündelt verfügbar.
Personen
- Harald Bugmann (Professur für Waldökologie, ETH Zürich)
- Pierluigi Calanca (Agroscope, Klimaforschung Landwirtschaft)
- Anthony Lehmann (Institute for Environmental Sciences, Universität Genf)
- Arthur Gessler (WSL)
- Remo Röthlin (EBP)
- Astrid Björnsen (WSL)
Themen
- Klimaanpassung in der Schweiz
- Auswirkungen auf Waldmanagement und Ökosystemleistungen
- Auswirkungen auf die Landwirtschaft
- Auswirkungen auf Gewässer, inkl. Sediment und Nährstofftransport
- Entscheidungsgrundlagen für Politik und Verwaltung
Clarus Lead
Der Klimawandel destabilisiert die Grundlagen von Sektoren, die direkt von natürlichen Ressourcen abhängen. Schweizer Forschungseinrichtungen in Zusammenarbeit mit der Praxis haben daher praktische Planungsinstrumente entwickelt, die es Behörden und Betrieben ermöglichen, konkrete Risiken regional zu erkennen und Massnahmen gezielt anzupassen. Die Integration wissenschaftlicher Modelle in benutzerfreundliche Apps adressiert einen wachsenden Bedarf: Entscheidungsträger benötigen verlässliche, räumlich differenzierte Szenarien, um Investitionen und Massnahmen im Klimawandel zu legitimieren und zu optimieren.
Detaillierte Zusammenfassung
Waldmanagement unter Druck. Schweizer Wälder erleben zunehmend Trockenheit, Stürme und Schädlingsbefall. Fichten – wirtschaftlich zentral – sterben im Mittelland ab oder müssen früher gefällt werden. Viele Schutzwälder sind überaltert und anfällig für Extremereignisse. Förster benötigten Entscheidungsgrundlagen, um Waldentwicklung nicht nur lokal, sondern auch im grösseren Zusammenhang zu verstehen. Die ForClim-App der ETH Zürich nutzt ein dynamisches Modell, das nicht nur einen Waldbestand abbildet, sondern dessen Entwicklung über Jahrzehnte unter verschiedenen Klimaszenarien simuliert. Nutzer geben Bestandsdaten ein; das Modell berechnet, wie lange der Holzvorrat hält und welche Baumarten zukunftsfähig sind. Damit können Förster gezielt entscheiden, welche Eingriffe sinnvoll sind. Die FORTE-App bietet einen grossräumigen Überblick: Sie zeigt auf Karten, wie sich Wälder und ihre Multifunktionalität – Holzproduktion, Lebensraum, Schutz vor Naturgefahren – regional verändern könnten. Das Tool entstand auf Wunsch der Kantonsoberförsterkonferenz und richtet sich an Politik und Planung auf regionaler Ebene.
Landwirtschaftliche Ertragsrisiken. Der Klimawandel verlängert Wachstumszeiten, verstärkt Hitze und Wassermangel. Ernteausfälle in Trockenjahren nehmen zu; einzelne Kulturen profitieren von wärmeren Wintern. Ökologische Wechselwirkungen – etwa zwischen Pflanzen und Bestäubern – verschieben sich. Die CLIMAGS-App von Agroscope zeigt regional, wie sich Ackerkulturen und Grünland, Bestäubungspotenzial und Bodenkohlenstoff künftig entwickeln könnten. Sie liefert keine Handlungsempfehlungen für einzelne Betriebe, sondern Grundlagen für Ämter, um Auswirkungen auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft einzuordnen und Diskussionen in der Praxis anzustossen.
Wasserbewirtschaftung neu denken. Der Klimawandel verschiebt Niederschlagsmuster: weniger Sommerregen, mehr Winterniederschlag, häufiger als Regen statt Schnee. Trockenheit gefährdet Trinkwasserversorgung und Energieproduktion; Starkniederschläge spülen Sedimente weg und überdüngen Flüsse und Seen. Die AquaREL-App der Universität Genf prognostiziert Veränderungen in Abfluss und Sediment- und Nährstoffeinträgen auf Kartendarstellungen für die ganze Schweiz und einzelne Regionen. Sie richtet sich an Fachleute und interessierte Öffentlichkeit und soll helfen, Risiken früh zu erkennen und Wasserbewirtschaftung gezielt anzupassen.
Kernaussagen
- Vier spezialisierte Webapps (ForClim, FORTE, CLIMAGS, AquaREL) machen Klimawandelfolgen für Wald, Landwirtschaft und Gewässer sichtbar
- Die Tools nutzen wissenschaftliche Modelle und Szenarien, um Entscheidungsträger bei Planung und Risikominderung zu unterstützen
- Das NCCS-Programm bündelt sektorübergreifende Klimadienstleistungen; die vollständigen Ergebnisse sind bereits verfügbar
Kritische Fragen
- Validierung der Modelle: Auf welchen empirischen Daten und Kalibrierungsverfahren beruhen die Szenarien in ForClim und AquaREL? Wie häufig werden die Modelle mit Feldbeobachtungen abgeglichen?
- Unsicherheitsdarstellung: Wie werden Unsicherheitsmargen in den Apps kommuniziert? Besteht das Risiko, dass Nutzer Szenarien als deterministische Prognosen missverstehen?
- Nutzungsbarrieren: Welche Hürden verhindern bislang die breite Adoption durch kleinere Betriebe und Gemeinden? Sind Schulung und technischer Support ausreichend dimensioniert?
- Anpassungslücke: Zeigen die Apps auch, welche Anpassungsmassnahmen technisch oder wirtschaftlich nicht umsetzbar sind? Oder besteht das Risiko, dass Entscheidungsträger unrealistische Erwartungen entwickeln?
- Sektorübergreifende Konflikte: Wie behandeln die Tools Zielkonflikte – etwa zwischen Waldschutz und Holzproduktion, oder zwischen Bewässerung und Trinkwasserschutz?
- Governance und Verbindlichkeit: Welche rechtliche oder politische Verbindlichkeit haben die Empfehlungen aus den Apps? Wer trägt Verantwortung bei Fehlprognosen?
Quellenverzeichnis
Primärquelle: Bundesrat Schweiz – Forschungsprogramm NCCS-Impacts: Klimawandel-Werkzeuge für Wald, Landwirtschaft und Gewässer – https://www.news.admin.ch/de/newnsb/u6lCQc5bf4zApcg3gDBwd
Ergänzende Ressourcen:
- National Centre for Climate Services (NCCS) – www.nccs.admin.ch
- WSL-Wissensplattform – wsl-forte.shinyapps.io/CSDashboard-DE/
- ForClim-App (ETH Zürich) – www.wsl.ch/de/services-produkte/forclim-app-simulationen-fuer-die-planung-von-waldmassnahmen/
- FORTE-App – www.wsl.ch/de/services-produkte/forte-app-online-tools-fuer-die-waelder-von-heute-und-morgen/
- CLIMAGS-App (Agroscope) – www.wsl.ch/de/services-produkte/climags-impacts-app-die-zukuenftige-entwicklung-der-waldbestaende/
- AquaREL-App (Universität Genf) – www.wsl.ch/de/services-produkte/aquarel-app-auswirkungen-des-klimawandels-auf-aquatische-oekosysteme/