Die grüne Stunde kehrt zurück: Absinth
Ein Kräuterelixier aus dem Neuenburger Jura eroberte Paris, stürzte über einen Mordfall und wartete fast hundert Jahre im Verborgenen auf seine Rehabilitierung.
clarus.news | Kultur | 27. Juli 2026
von Thierry Leserf
Ein Tropfen, der alles trübt
Der Löffel liegt quer über dem Glas, flach, gelocht, darauf ein Würfel Zucker. Aus dem Hahn der Fontäne fällt Eiswasser, ungefähr ein Tropfen pro Sekunde. Jeder Tropfen zieht eine milchige Spur durch die klare, grünlich schimmernde Flüssigkeit, bis sich das ganze Glas eintrübt und der Anisduft aufsteigt. Das dauert. Genau das ist der Punkt: Der Louche-Effekt – die Trübung, ausgelöst vom schlecht wasserlöslichen Anethol – ist kein Trick, sondern eine Uhr. Wer Absinth trinkt, verpflichtet sich zu Langsamkeit.
Personen
- Pierre Ordinaire (Landarzt, mutmasslicher Urheber der Rezeptur)
- Henri-Louis Pernod (Destillateur, Markengründer)
- Jean Lanfray (Weinbergarbeiter, Täter von Commugny 1905)
Themen
- Geschichte der Spirituosen
- Prohibition und Moralpanik
- Kunst und Bohème
- Kulinarisches Erbe der Schweiz
Eine Erfindung mit strittiger Vaterschaft
Der Ursprung liegt im Val-de-Travers, jenem schmalen Tal im heutigen Kanton Neuenburg, wo bereits ab 1737 Wein mit Wermut versetzt getrunken wurde. Wer die Rezeptur zuerst zusammensetzte, ist bis heute Streitsache: Der aus Frankreich geflohene Landarzt Pierre Ordinaire soll in Couvet ein «élixir d'absinthe» an seine Patientinnen verabreicht haben. Andere Quellen nennen die Familie Henriod, in der schon um die Jahrhundertmitte destilliert worden sei – etwa von der heilkundigen Suzanne-Marguerite Motta, «Mutter Henriod» gerufen.
Gesichert ist erst das Geschäftliche. 1797 kaufte ein Major Dubied die Rezeptur, gründete mit Sohn und Schwiegersohn eine Brennerei, sechzehn Liter täglich. Der Schwiegersohn hiess Henri-Louis Pernod, und weil Zollformalitäten mühsam sind, verlegte er die Destillerie 1805 ins französische Pontarlier. Dort waren es bald vierhundert Liter pro Tag.
Den eigentlichen Schub brachte die Kolonialgeschichte: Ab 1830 erhielten französische Soldaten in Algerien tägliche Absinthrationen gegen schlechtes Wasser und Malaria. Pernod steigerte die Produktion auf zwanzigtausend Liter täglich. Die Heimkehrer brachten die Gewohnheit mit nach Paris.
Wer trinken darf, wer trinken soll
Um 1860 war die «heure verte» etabliert, die grüne Stunde zwischen fünf und sieben Uhr abends. Absinth war dabei mehr als Mode: Er war die erste hochprozentige Spirituose, die Frauen ausserhalb der Halbwelt öffentlich konsumieren konnten, und mit rund drei Sous pro Glas auch für Arbeiter erschwinglich. Ein einziges, langsam verdünntes Glas kaufte stundenlang das Recht, in der Bar zu sitzen – bei den beengten Wohnverhältnissen von Paris, wo um 1900 auf tausend Einwohner 11,5 Kneipen kamen, ein Argument. 1912 flossen in Frankreich 221,9 Millionen Liter.
Dann kippte die Stimmung, und zwar nicht nur aus Sorge. In den 1860er-Jahren hatte die Reblaus die französischen Weinberge verwüstet; Absinth aus billigem Getreide- oder Rübenalkohol füllte die Lücke. Als sich der Weinbau erholte, war der Markt besetzt. Die Weinlobby finanzierte Anti-Absinth-Kampagnen, stilisierte Wein zum gesunden Grundnahrungsmittel und erfand mit dem «absinthisme» ein Sonderproblem, das bequem verschwieg, dass Alkohol auch in Wein steckt. 1907 zogen viertausend Demonstranten mit dem Slogan «Tous pour le vin, contre l'absinthe» durch Paris.
Der Rest ist Justizgeschichte. Im August 1905 ermordete der Weinbergarbeiter Jean Lanfray im waadtländischen Commugny seine schwangere Frau und die beiden Töchter. Er hatte an jenem Tag bis zu fünf Liter Wein, Branntwein – und zwei Gläser Absinth getrunken. Die Debatte konzentrierte sich auf die zwei Gläser. Am 5. Juli 1908 stimmten 63,5 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten für ein Verbot in der Verfassung; es trat am 7. Oktober 1910 in Kraft. Frankreich folgte, die USA ebenso. Der Stoff, dem man das alles zuschrieb, das Thujon aus dem Wermut, liess sich in historischen Flaschen später kaum je über zehn Milligramm pro Kilogramm nachweisen.
Was bleibt: sechs Stationen
- Manet, «Der Absinthtrinker» (um 1859) – Das Sujet des verwahrlosten Trinkers war dem Auswahlkomitee des Pariser Salons zu viel; das Bild flog raus.
- Edgar Degas, «Der Absinth» (1876) – Zwei Menschen sitzen nebeneinander und nehmen sich nicht mehr wahr. Kein Rausch, nur Leere.
- Van Goghs «Stillleben mit Absinth» (1887) – Im selben Jahr porträtierte ihn Toulouse-Lautrec im Café, das Glas vor sich.
- Picassos «Das Glas Absinth» (1911 und 1914) – Erst kubistisches Gemälde, dann Skulptur: Das Getränk überlebt als Form, kurz bevor es verboten wird.
- Die Legalisierung in der Schweiz (1. März 2005) – Sechs Jahre zuvor war das Verbot aus der Verfassung gestrichen worden. Frankreich zog erst 2011 nach.
- Das Ringen um den Herkunftsschutz – Val-de-Travers und die französische Nachbarschaft bewerben sich beide um den geschützten Namen. Ein Grenzkonflikt in Flaschenform.
Stimmen aus der grünen Stunde
Oscar Wilde hielt es für das poetischste Getränk der Welt und lieferte gleich die Ernüchterung nach: Nach dem ersten Glas sehe man die Dinge, wie man sie gerne hätte – am Ende sehe man sie, wie sie sind, und das sei das Schlimmste. (zit. n. Conrad, «Absinthe: History in a Bottle»; Die Welt, 2015)
Berthe Zurbuchen aus dem Val-de-Travers brannte achtzig Jahre lang illegal. In einem Schauprozess der 1960er-Jahre zu 3000 Franken verurteilt, soll sie ihren Richter gefragt haben, ob sie sofort zahlen solle – oder erst, wenn er das nächste Mal seine Wochenflasche abhole. Danach strich sie ihr Haus absinthgrün. (Grescoe, «The Devil's Picnic»)
Hannes Bertschi und Marcus Reckewitz fassen die Epoche so zusammen, dass die versammelte europäische Kunstelite im Absinthrausch durchs Fin de Siècle getorkelt sei. (Bertschi/Reckewitz, «Von Absinth bis Zabaione»)
Kernsätze
- Absinth ist eine Schweizer Erfindung, die in Frankreich berühmt und in der Schweiz zuerst verboten wurde.
- Das Verbot war eine Mischung aus echter Sorge, moralischer Panik und Marktinteressen der Weinindustrie.
- Die Rehabilitierung kam nicht aus der Kunst, sondern aus dem Labor.
Schmunzel-Splitter
Die Ironie der Buchhaltung Jean Lanfray hatte am Tattag literweise Wein intus – verboten wurde der Absinth. Man kann Statistik auch mit dem Zollstock der Lobby machen.
Föderaler Feldbau Nach dem Verbot liess der Bund die Wermutfelder im Val-de-Travers unterpflügen. Gebrannt wurde trotzdem weiter – die Talbewohner bestehen bis heute auf 250 Jahren ununterbrochener Produktion. Ordnung ja, aber bitte nicht im Keller.
Staatsempfang mit Nachspiel 1983 servierte man Staatsgast François Mitterrand ein absinthglasiertes Soufflé. Ergebnis: Hausdurchsuchung, vier Tage bedingt – und ein Kantonsvertreter, der beinahe seine politische Karriere im Dessert versenkt hätte.
Der Sammlerwert des Verbotenen Ein Autor hat vermutet, hätte man damals Gin und Vermouth verboten, würden heute Sammler Vermögen für alte Martinigläser zahlen. Nichts konserviert einen Mythos so gut wie ein Gesetz.
Quellenverzeichnis
Hauptquellen:
- Absinth – Übersichtsartikel (Wikipedia, deutschsprachige Ausgabe)
- Redaktionsdossier «Die Geschichte des Absinths – Von der Grünen Fee zum Verbot und zurück» (interne Beilage, PDF)
Ergänzende Quellen:
- Rolf Trechsel: «Absinth», Historisches Lexikon der Schweiz
- Volksabstimmung vom 5. Juli 1908 über die Initiative «für ein Absinthverbot» (Bundeskanzlei)
- Padosch/Lachenmeier/Kröner: «Absinthism: a fictitious 19th century syndrome with present impact»
- «Die Grüne Fee aus dem Val-de-Travers», Zeitblende, SRF, 26. Mai 2021
- «Absinth-Wirkung: Die Grüne Fee wird entzaubert», Spiegel Online, 30. April 2008
- Absinthe in der Datenbank «Kulinarisches Erbe der Schweiz»
Verifizierungsstatus: ✓ 27. Juli 2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 27. Juli 2026
Tags: #Absinth #ValDeTravers #Kulturgeschichte #Prohibition #GrüneFee