Stellenabbau bei der Post: Die Strategie überlebt ihre Strategen

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clarus.news | Analyse | 12. Juni 2026

von Andreas Binggeli und Thierry Leserf

Die Post streicht rund 60 IT-Stellen in der Schweiz und legt zugleich den Ausbau ihres Standorts in Lissabon auf Eis. Begründet wurde die Auslagerung nach Portugal noch im September 2025 mit dem Fachkräftemangel. Neun Monate später ist dieses Argument Makulatur – und plötzlich gilt künstliche Intelligenz als Treiber für den Abbau. Hinter dem Personalschnitt steht eine grössere Frage: Wer trägt die Verantwortung für eine Strategie, deren Annahmen schneller zerfallen als ihre Umsetzung? Und warum erreichen die finanziellen Risiken eines bundeseigenen Konzerns die Finanzkontrolle kaum?


Das gebrochene Versprechen

Die Chronologie ist kurz und entlarvend. Noch 2022 hielt die Post fest, sie verlagere keine IT-Stellen ins Ausland. Im September 2025 war davon nichts mehr übrig: Der Verwaltungsrat segnete die Verschiebung von rund 140 Informatikstellen aus der Schweiz nach Lissabon ab, wo der IT-Campus bis 2030 von 60 auf 200 Vollzeitstellen wachsen sollte. Die offizielle Begründung lautete: Fachkräftemangel. In der Schweiz seien die nötigen Spezialistinnen und Spezialisten nicht zu finden.

Im Juni 2026 ist auch diese Erzählung zusammengebrochen. Die Post baut nun rund 60 IT-Stellen in der Schweiz ab, ändert bei weiteren 20 Mitarbeitenden Funktion oder Arbeitsort – und verkündet zugleich, der Ausbau in Portugal werde «vorerst nicht weiterverfolgt». Mitte Juni startet das gesetzlich vorgeschriebene Konsultationsverfahren, verbindliche Zahlen sollen erst im Herbst vorliegen.

Wer Fachkräftemangel als Grund für eine Auslagerung anführt und kurz darauf im Inland abbaut, hat eines von zweierlei getan: entweder von Anfang an falsch begründet – oder eine Strategie verfolgt, deren Grundlage in Rekordzeit verschwunden ist. Beides ist ein Steuerungsproblem.

Die Strategie aus der Vor-KI-Zeit

Der Portugal-Plan war ein Kind seiner Zeit. Er beruhte auf einer simplen Rechnung: günstig skalierbare Entwicklerkapazität im Ausland, kombiniert mit einem strukturellen Mangel an Informatikkräften daheim. Genau diese Rechnung löst die generative künstliche Intelligenz gerade auf. KI-gestützte Softwareentwicklung senkt den Bedarf an reiner Coding-Kapazität – egal, ob diese in Bern oder in Lissabon sitzt.

Die Ironie ist vollständig: Dieselbe Technologie, die den Fachkräftemangel als Auslagerungsargument entwertet, nennt die Post heute als Treiber für den Abbau. Was als Wachstumsstrategie begann, endet als Sparübung. Die Premissen der Strategie sind erodiert, bevor ihre Umsetzung abgeschlossen war.

Das ist kein Vorwurf an die Technologie, sondern an den Strategiehorizont. Wer 2022 eine Auslagerung über fünf Jahre beschliesst, ohne den absehbaren KI-Schub einzupreisen, plant an der Realität vorbei. Die Gewerkschaft Syndicom fordert deshalb nicht nur einen Sozialplan, sondern auch eine Überprüfung der Führungsstrukturen: Es sei nicht glaubwürdig, im operativen Bereich abzubauen, während die darüberliegenden Ebenen unangetastet blieben.

Wie lange trägt die Politik Verantwortung?

Hier beginnt das eigentliche Problem. Die Post gehört zu 100 Prozent dem Bund. Der Bund gibt die strategischen Ziele vor – die operative Umsetzung liegt beim Verwaltungsrat. Als ein Ständerat im November 2025 per Interpellation fragte, ob der Bund gegen die Verlagerung von IT-Arbeitsplätzen in ein Niedriglohnland vorgehen solle, sah der Bundesrat keinen Handlungsbedarf.

Das ist die Verantwortungslücke in Reinform. Entscheide werden heute gefällt, ihre Konsequenzen treten in fünf bis acht Jahren ein. Bis dahin sind die Verantwortlichen oft nicht mehr im Amt: Verwaltungsräte rotieren, IT-Chefs wechseln, Bundesrätinnen treten zurück, Strategien werden stillschweigend korrigiert. Wer den Kurs gesetzt hat, haftet nicht für die Korrektur. Und wer korrigiert, hat den Kurs nicht gesetzt.

Die operative Autonomie, die den bundesnahen Betrieben ihre Schlagkraft geben soll, hat eine Kehrseite: Sie entzieht strategische Fehlentscheide der politischen Verantwortung – ohne sie einer anderen zuzuweisen.

Soll die Post in die freie Wirtschaft?

Damit stellt sich die unbequeme Grundsatzfrage. Die Post agiert im IT-Bereich wie ein Marktteilnehmer – sie lagert aus, baut ab, optimiert Kosten –, gehört aber vollständig dem Staat und trägt einen Service-public-Auftrag.

Befürworter einer Entlassung in die freie Wirtschaft argumentieren: Wer wie ein Privatkonzern handelt, soll auch einer sein. Eine konsequente Privatisierung würde die Verantwortung klären, den Bund aus dem Spagat zwischen Rendite und Service public befreien und die Post dem vollen Marktdruck aussetzen. Gegner halten dagegen: Die Grundversorgung in allen Landesteilen – auch dort, wo sie sich betriebswirtschaftlich nicht lohnt – ist gerade kein Marktprodukt. Wird die Post privatisiert, droht der Rückzug aus der Fläche.

Der Status quo aber ist der unbefriedigendste Zustand von allen: halb Markt, halb Staat. Genau dieses Dazwischen produziert die Widersprüche, die jetzt sichtbar werden – ein Eigentümer, der die Strategie verantwortet, aber ihre sozialen Folgen im Inland abfedern lässt, ohne die eigene Mitverantwortung zu benennen.

Der blinde Fleck der Finanzkontrolle

Und damit zur strukturell brisantesten Frage. Die grössten finanziellen und Abhängigkeitsrisiken des Bundes liegen heute nicht in der Zentralverwaltung, sondern in den ausgelagerten Einheiten: Post, SBB, Swisscom und RUAG. Also genau dort, wo die Eidgenössische Finanzkontrolle am schwächsten greift.

Die Lage ist abgestuft, nicht einheitlich – das ist wichtig. Bei der zu 100 Prozent bundeseigenen Post und der SBB darf die EFK prüfen, tut dies aber nur punktuell und thematisch, etwa in Querschnittsprüfungen zum Business Continuity Management. Der fortlaufende Fokus der Kontrolle liegt auf der zentralen Bundesverwaltung. Bei der börsenkotierten Swisscom ist die Zuständigkeit sogar rechtlich umkämpft: 2019 nahm der Ständerat eine Motion an, die der EFK die Prüfung teilprivatisierter Unternehmen entziehen wollte – mit Verweis auf die Gleichbehandlung der Aktionäre. Der damalige EFK-Direktor warnte, ein solches Prüfverbot würde über den Verweis im Parlamentsgesetz auch dem Parlament die Oberaufsicht nehmen.

Das Muster ist eindeutig: Je grösser das finanzielle Risiko und je tiefer die technologische Abhängigkeit – Cloud, Software, ausländische Standorte –, desto dünner die unabhängige Finanzaufsicht. Risiko und Kontrolle bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen.

Ein Hinweis zur Schärfung: Armasuisse gehört nicht in dieselbe Reihe. Sie ist ein Bundesamt der zentralen Verwaltung, bei dem die EFK volle Prüfkompetenz hat. Die Frage lautet dort nicht «darf sie prüfen», sondern «prüft sie bei Grossbeschaffungen tief genug». Bei Post, SBB, Swisscom und RUAG dagegen ist bereits die Zuständigkeit eingeschränkt oder strittig.

Fazit: Der Abbau ist das Symptom, nicht die Krankheit

Die 60 Stellen bei der Post sind eine Personalmeldung. Dahinter steht ein Steuerungsbefund, der weit über die Post hinausreicht.

Erstens überleben Strategien ihre Strategen. Wer entscheidet, ist verschwunden, wenn die Folgen eintreffen – und niemand übernimmt die Lücke. Zweitens veralten Auslagerungsstrategien schneller, als sie sich umsetzen lassen, sobald eine Technologie wie KI die Grundannahmen kippt. Drittens wandern die grössten Risiken des Bundes genau dorthin, wo seine Finanzkontrolle am wenigsten hinsieht.

Die Gewerkschaften fordern, dass nicht nur die Belegschaft, sondern auch die Chefetage über die Bücher geht. Das ist berechtigt – greift aber zu kurz. Über die Bücher gehen müsste das Modell selbst: ein Eigentümer, der Ziele setzt, ohne für deren Korrektur geradezustehen, und eine Aufsicht, die dort am dünnsten ist, wo das Geld und die Abhängigkeiten am dicksten sind.

Die ehrliche Frage ist nicht, ob die Post 60 Stellen abbaut. Sie lautet: Wohin führt ein System, in dem heute niemand mehr verantwortlich ist, wenn morgen die Rechnung kommt?


Dieser Beitrag basiert auf der Berichterstattung von «Le Temps», Tagesanzeiger, watson, inside-it.ch, Blick, 20 Minuten und Netzwoche zum Post-IT-Abbau (Juni 2026), auf der Berichterstattung zur Portugal-Auslagerung (September 2025), auf einer Interpellation im Ständerat (November 2025) sowie auf öffentlich zugänglichen Quellen zur Aufsichtskompetenz der Eidgenössischen Finanzkontrolle über bundesnahe Betriebe.

Quellen:

  • Le Temps / Tagesanzeiger: «Post streicht 60 IT-Stellen, Gewerkschaft übt scharfe Kritik», Juni 2026
  • inside-it.ch: «Post streicht 60 IT-Stellen in der Schweiz», 04.06.2026
  • watson: «Die Schweizer Post bricht mit dem Portugal-Trick ihr Versprechen», 20.09.2025
  • Tagesanzeiger: «Post lagert 200 IT-Stellen nach Portugal aus», 08.09.2025
  • inside-it.ch: «Bund befürwortet Post-Auslagerung nach Portugal» (Interpellation), 27.11.2025
  • 20 Minuten / Netzwoche / itmagazine: Meldungen zum IT-Abbau, Juni 2026
  • EFK: Querschnittsprüfung Business Continuity Management (Post, SBB), 2024
  • inside-it.ch: «Ständerat: Finanzkontrolle soll Swisscom nicht mehr prüfen» (Motion Ettlin), 17.12.2019
  • finanznachrichten.de: «EFK-Direktor Huissoud warnt vor Prüfverbot bei Swisscom und Co.», 2020

Hinweis zur Methodik: Die genannten Stellenzahlen entsprechen den von der Post kommunizierten Grössenordnungen vor Abschluss des Konsultationsverfahrens. Die Argumentation dieses Beitrags stützt sich auf Tendenz und Richtung der Entwicklung, nicht auf definitive Zahlen, die erst im Herbst 2026 vorliegen.


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