Dr Aare naa: Wie Bern im Fluss badet

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Kein Meer, kein See – und doch die vielleicht schönste Badestadt der Welt: In Bern legt man sich in den Fluss und lässt sich vom Gletscherwasser durch die Hauptstadt tragen.

clarus.news | Kultur | 16. Juli 2026

von Thierry Leserf


Barfuss flussaufwärts

Es beginnt mit einer Kolonne. An schönen Sommertagen ziehen ganze Karawanen barfuss und im Badekleid den Uferwegen entlang, vom Marzilibad Richtung Schönausteg, vom Lorrainebad Richtung Altenbergsteg. Ist's weit genug, geht's los: Man legt sich in den Fluss und lässt sich meerwärts treiben. Unter Wasser spielt die Aaremusik – Kieselsteine, die bezaubernde Klänge erzeugen. Am Ende der langgezogenen Rechtskurve schiebt sich das Bundeshaus ins Blickfeld, und der knappe Kilometer zwischen Schönausteg und Marzili wird, wie die NZZ einmal schrieb, zum schönsten Flecken der Welt.

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  • Lebendige Traditionen der Schweiz
  • Urban Swimming

Ein Fluss wird Wahrzeichen

Bern hat keinen See – dafür die Aare. Was früher Schutzgraben, Wasserspeicher, Nahrungsquelle und Transportweg war, ist heute das Naturwahrzeichen der Stadt. Gebadet wird darin seit Jahrhunderten: Schon im 18. Jahrhundert soll die Aare zwischen Elfenau und Engehalbinsel an schönen Tagen eine einzige riesige Flussbadeanstalt gewesen sein. 1782 richtete die Stadt das «Bubenseeli» beim Marzili zum Baden her, 1822 eröffnete dort die «Akademische Badeanstalt» – eine der ersten Badeanstalten Europas. Das Marzilibad wuchs über die Jahrzehnte zum grössten und einem der meistbesuchten Freibäder der Schweiz, das kleinere Lorrainebad folgte 1892 flussabwärts.

Dass der Schwumm heute so unbeschwert möglich ist, war lange nicht selbstverständlich. Der Fluss wurde streckenweise zur Kloake – bereits 1468 ermahnte der Rat von Bern die Thuner, keine Tierkadaver in die Aare zu werfen. Erst der Bau von Kläranlagen ab Mitte des 20. Jahrhunderts brachte die Wende. Heute ist das Wasser so sauber, dass die Wasserreinheit im weltweiten Vergleich als Kuriosum gilt – und das Aareschwimmen als «Aareschwimmen in Bern» auf der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz steht, gestützt auf das UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes.

Vorbild von Boston bis Berlin

Was in Bern Alltag ist, verblüfft die Welt. «Nirgendwo auf der Welt ist Urban Swimming ein derart breit verankerter Teil der Stadtkultur wie in Bern», bilanzierte das Forschungsprojekt «urban swimming» der Northeastern University in Boston, dessen Team 2009 quer durch Europa gereist war – Berlin, Barcelona, Venedig, Rom, Amsterdam, Prag – und in Bern fündig wurde. Nach Berner Vorbild soll der Bostoner Charles River schwimmtauglich gemacht werden; Berlin liess sich das Berner Modell 2005 eigens von der damaligen Gemeinderätin Regula Rytz erklären.

Auch soziologisch trägt der Fluss: «Dass alle in Badekleidung unterwegs sind, verwischt die sonst üblichen sozialen Unterscheidungsmerkmale. Der Fluss wird zum Schauplatz einer neuen Gleichheit», sagt Andreas Ruby, der dem Phänomen im Schweizerischen Architekturmuseum Basel die Ausstellung «Swim City» widmete. Guardian, BBC, Süddeutsche und ZEIT berichten – eine Tourismuswerbung, die keine Kampagne der Welt kaufen könnte.

Höhepunkte

  • Der klassische Marzili-Schwumm – Einstieg beim Schönausteg, ein knapper Kilometer Treiben, Ausstieg im Marzili mit Blick aufs Bundeshaus. Der Inbegriff des Berner Sommers.
  • Das «Zibeleschwümme» – Seit 25 Jahren schwimmen Hartgesottene im Spätherbst 350 Meter durch die kalte Aare, passend zur Tradition des Zibelemärit.
  • Rekordsommer 2023 – Über 800'000 Gäste im Marzilibad, allein am 20. August genossen 20'000 Menschen ein Bad in der Aare.
  • «Oben ohne» ab 1976 – Das Marzili wurde zum Trendsetter der ganzen Schweiz, als sich hier die ersten Schweizerinnen mit nacktem Busen sonnten.
  • Die Aare in der Kunst – Stiller Has besang den Fluss («Dr Aare naa, dr schöne grüene Aare naa» ist zum stehenden Ausdruck geworden), Sandee huldigte 2009 dem Marzili mit einem eigenen Song.

Stimmen

Der Brite Diccon Bewes, Autor mehrerer Bücher über die Schweiz, bringt den Reiz auf den Punkt: «Summer in the city means swimming in Bern.» Es gehe nicht nur ums Abkühlen, sondern ums Mitfliessen – «it's going with the flow». (Lebendige Traditionen, BAK)

Die Bernerin Pascale beschreibt ihr Ritual so: «Wenn ich in die Aare will, gehe ich im Badeanzug aus dem Haus. Mein Portemonnaie brauche ich nicht, auch kein Vorhängeschloss und keine Tasche.» Und sie stellt klar: Eigentlich lasse man sich nur von der Strömung treiben – «Alles andere sollte man bleiben lassen!» (About Switzerland, EDA)

Und der Vergleich mit Basel? Aareschwimmer Hugo Rohrer wohnte sieben Jahre am Rhein und schwamm fast nie darin: «Es ist einfach nicht dasselbe. Punkt.» (Heimat Marzili, S. 28)

Kernsätze

  • Das Aareschwimmen ist als lebendige Tradition der Schweiz anerkannt und prägt die Berner Sommerkultur wie kaum etwas anderes.
  • Saubere Gewässer und jahrhundertealte Badepraxis machen Bern zum weltweiten Vorbild für Urban Swimming.
  • Der Fluss ist gratis, unbeaufsichtigt und verlangt Respekt: Er ist nur für flussvertraute Schwimmende geeignet.

Schmunzel-Splitter

Vier Apps für einen Fluss. Aare Schwumm, aare.guru, mAare und «Aare – Schwimm Wetter Temperatur?»: Die Bernerinnen und Berner prüfen die Wassertemperatur digital gründlicher als mancher Meteorologe das Wetter – aare.guru allein wurde über 91'000 Mal heruntergeladen.

Föderalismus im Badekleid. Dreimal – 1992, 1994 und 2002 – schlug der Gemeinderat Eintrittspreise für die Bäder vor. Dreimal wurde die Idee versenkt. Gratis bleibt gratis, da versteht Bern keinen Spass.

Zu warm ist auch nicht recht. Als die Aare 2022 den Rekordwert von 24,1 Grad erreichte, empfanden viele Schwimmerinnen und Schwimmer das bereits als zu warm. Man ist schliesslich nicht zum Planschen hier.

Petition statt Pacht. Als das Lorrainebad verpachtet werden sollte, unterschrieben über 8'000 Personen dagegen – der Gemeinderat musste zurückkrebsen. Mit dem Lorrainebad legt man sich in Bern nicht an.


Quellenverzeichnis

Hauptquellen:

  1. Lebendige Traditionen: «Aareschwimmen in Bern» (Bundesamt für Kultur BAK, Version August 2024; Autor/Autorin: Katrin Rieder, Jörg Weidmann)
  2. About Switzerland (EDA): «Flussschwimmen – eine Spezialität Schweizer Städte» (24. April 2026)

Ergänzende Quellen:

  • Christian Aeberhard et al. (Hg.): «Heimat Marzili. 80 Portraits aus dem Berner Aarebad», Baden 2004 (zitiert in der BAK-Dokumentation)

Verifizierungsstatus: ✓ 16. Juli 2026


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 16. Juli 2026

Tags: #Aareschwimmen #Bern #LebendigeTraditionen