Cidre – ein Zaubertrank mit Apfelduft?

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clarus.news | Gourmet & Stil von Thierry Leserf

Er perlt, er duftet nach Obstgarten, Herbstsonne und einem kleinen französischen Markt am Meer. Cidre ist dieses Getränk, das aussieht, als hätte jemand Apfelsaft zum Ausgehen überredet. Ein bisschen Schaum, ein bisschen Charme, ein Hauch Bauernhof – aber bitte mit Stil.

In der Bretagne gilt Cidre seit Jahrhunderten als Nationalgetränk. Schon Kurt Tucholsky schrieb 1925: „Die Bretagne trinkt Cidre.“ Und tatsächlich: Dort wird der moussierende Apfelwein traditionell aus kleinen Schalen, den bolées, getrunken – gerne zu Crêpes, Galettes und Gesprächen, die mit jedem Glas ein wenig philosophischer werden. Der Anbau der Mostäpfel kam bereits im 12. Jahrhundert aus Spanien in die Bretagne; bis heute prägen Bretagne und Normandie die Cidre-Kultur Frankreichs.

Ein Getränk mit Geschichte – und ohne Allüren

Cidre ist kein neuer Trend, sondern eher ein alter Bekannter, der plötzlich wieder gut frisiert zur Tür hereinkommt. Schon antike Autoren erwähnten vergorene Apfelgetränke; später wurde Apfelwein in Europa zum Alltagsgetränk, auch weil sauberes Trinkwasser nicht immer selbstverständlich war. Frankreich entwickelte daraus eine ganze Kultur: Cidre, Poiré aus Birnen, Pommeau und natürlich Calvados – der erwachsene Onkel mit 40 Prozent und Holzfass-Stimme.

Das Schöne am Cidre: Er muss nicht erklären, warum er da ist. Er ist weder so feierlich wie Champagner noch so ernsthaft wie ein grosser Burgunder. Er sagt einfach: „Setz dich. Wir trinken jetzt etwas Frisches.“

Ist Cidre gesund?

Nun ja: Es bleibt Alkohol. Wer aus einem Glas Cidre ein Fitnessprogramm machen will, sollte zusätzlich vielleicht doch noch spazieren gehen.

Aber im Vergleich zu Wein und vielen Bieren punktet Cidre mit seiner Leichtigkeit. Klassische französische Varianten liegen oft bei ungefähr 2,5 bis 5 Volumenprozent Alkohol – ein doux eher süss und leicht, ein brut trockener und kräftiger. Damit ist Cidre häufig alkoholärmer als Wein und oft auch leichter als viele Craft-Biere.

Dazu kommt: Cidre basiert auf Äpfeln. In den Quellen werden Antioxidantien, Flavonoide, Kalium, Vitamin C und Pektin genannt – also Stoffe, die dem Apfel seinen guten Ruf eingebracht haben. Man sollte daraus keine medizinische Wunderkur machen, aber als Genussgetränk mit Apfel-DNA hat Cidre eindeutig sympathischere Argumente als so mancher Aperitif, der im Glas aussieht wie flüssiger Textmarker.

Die Schweiz entdeckt den Apfel neu

In der Schweiz hatte Cidre lange nicht denselben Status wie in Frankreich. Most ja, Saft ja, Apfelkuchen sowieso – aber Cidre? Eher Geheimfach im Getränkeregal.

Das ändert sich. Immer mehr Schweizer Produzenten sehen in alten Obstgärten, Hochstammbäumen und vergessenen Apfelsorten ein enormes Potenzial. Besonders spannend: Winzerinnen und Winzer, die ihr Gespür für Gärung, Säure und Balance vom Wein auf den Apfel übertragen.

Ein Beispiel ist Markus Ruch aus dem Schaffhauser Klettgau. Gemeinsam mit Benjamin Oswald produziert er Cidres aus Äpfeln, Birnen und Quitten – handwerklich, mit feiner Perlage und dem Anspruch, Säure und Restsüsse elegant auszubalancieren. Die Schweiz habe eine „Obst-Hochkultur“, sagt Ruch sinngemäss – man müsse nur mehr daraus machen.

Das passt perfekt in eine Zeit, in der Weinbau durch Frost, Hagel und Wetterextreme anspruchsvoller wird. Hochstamm-Obstbäume sind robust, regional verwurzelt und liefern Früchte mit Charakter. Kurz gesagt: Der Apfel ist nicht mehr nur Pausenbrot-Zubehör. Er will auf die Bühne.

Wie trinkt man Cidre?

Am besten kühl, aber nicht eiskalt. Zwischen 8 und 10 Grad darf er zeigen, was er kann: Frucht, Frische, Säure, manchmal etwas Tannin, manchmal eine feine herbe Note. Wer es bretonisch mag, nimmt eine Keramikschale. Wer es eleganter möchte, greift zum Weisswein- oder Burgunderglas. Wer sehr praktisch denkt, nimmt einfach das saubere Glas, das gerade vorne im Schrank steht. Auch das ist Kultur.

Kulinarisch ist Cidre ein erstaunlicher Allrounder. Er passt zu Crêpes und Galettes, klar. Aber auch zu Ziegenkäse, Fisch, Meeresfrüchten, hellem Fleisch, Apfel-Desserts oder einem unkomplizierten Apéro mit guten Freunden. Cidre ist wie dieser Gast, der mit allen reden kann und trotzdem nie nervt.

Cidre ist kein Ersatz. Cidre ist eine Einladung.

Vielleicht ist genau das sein Zauber: Cidre nimmt sich nicht zu wichtig. Er ist nicht protzig, nicht kompliziert, nicht belehrend. Er perlt, duftet, macht gute Laune und erinnert daran, dass Genuss nicht immer im Smoking erscheinen muss. Manchmal reicht ein Apfel, etwas Geduld und ein bisschen Kohlensäure.

Also: Beim nächsten Apéro nicht automatisch zum Weisswein greifen. Geben Sie dem Cidre eine Chance. Er könnte der Beginn einer wunderbaren kleinen Affäre werden – mit weniger Alkohol, viel Charakter und einem angenehm fruchtigen Augenzwinkern.

Und wer nach dem Cidre-Ausflug Lust auf etwas Verwandtes hat: Diese Piquette von Hauksson Weine wird als Cidre aus Glockenapfel beschrieben, mit Pinot-Noir-Trester aromatisiert, nach traditioneller Methode versektet und mit 7,5 % Alkohol als schöner Apéro empfohlen. Oder in Bern: https://www.heftigcidre.ch/


Quellen