Brot und Spiele – 10 Jahre Infantino: zu viel Geld, zu wenig Kontrolle
Vor genau zehn Jahren wurde Gianni Infantino an die Spitze der FIFA gesetzt – als Gesicht eines „Neuanfangs“, der nach den Verhaftungen, Anklagen und dem moralischen Totalcrash der Blatter-Ära dringend gebraucht wurde. Die Texte der NZZ und der FAZ aus diesem Moment (Februar 2016) lesen sich heute wie ein Protokoll eines Systems, das sich reformieren will – und doch reflexhaft immer wieder beim selben Treibstoff landet: Geld.
Schon damals war die Grundrichtung erkennbar: Im Fussball ist zu viel Geld vorhanden – und genau das macht ihn politisch käuflich, strukturell korrumpierbar und PR-anfällig.
2016: Reformversprechen – aber der Köder bleibt der gleiche
Die NZZ beschreibt Infantinos Aufstieg als erstaunlich schnellen Sprint vom Verlegenheitskandidaten zum Präsidenten – und legt offen, womit er Delegierte einfängt: der Aussicht auf grössere Ausschüttungen und Entwicklungszahlungen. Diese Logik ist nicht „Wohltätigkeit“, sondern Machttechnik: Wer verteilt, organisiert Loyalität.
Quelle: NZZ E-Paper / Archiv (Ausgabe 27./28.02.2016 – darin: „Mit Infantino kehrt die Uefa in die Fifa zurück“)
Noch deutlicher wird das im NZZ-Kommentar: Reformen seien nicht aus innerer Läuterung entstanden, sondern unter massivem Druck (auch von Ermittlungsbehörden). Und selbst nach einem Reformkongress bleibe die entscheidende Frage: Wird das System an der Basis wirklich geändert – oder nur oben neu lackiert?
Quelle: NZZ E-Paper / Archiv (Ausgabe 27.02.2016 – darin: „Die Fifa ist noch nicht aus dem Schneider“)
Die FAZ hält denselben Tag fest: ein grosses Reformpaket wird verabschiedet, Strukturen werden umgebaut, Amtszeiten begrenzt – aber zugleich taucht in der Debatte schon ein Motiv auf, das bis heute alles überlagert: Expansion (mehr Teams, mehr Spiele, mehr Märkte).
Quelle: FAZ: „Gianni Infantino ist neuer Fifa-Präsident“
Hauptkritik: Korruption ist kein Unfall – sie ist eine Folge des Geldsystems
Die FIFA-Krise war nie nur „ein paar schwarze Schafe“. Die US-Justiz nannte die Korruption 2015 ausdrücklich systemisch – ein Jahrzehnte-Muster aus Bestechung, Kickbacks und gekauften Rechten.
Quelle: US DOJ: „Nine FIFA Officials and Five Corporate Executives Indicted…“ (27.05.2015)
Wer Fussballpolitik mit Milliardenrechten, TV-Deals und Verteilungstöpfen baut, schafft Anreize:
- Entscheidungen werden wertvoller als Prinzipien (Vergaben, Stimmen, Posten).
- Loyalität wird zur Ware (Zuwendungen statt Kontrolle).
- „Reformen“ werden zur PR-Schicht – solange die Verteilungslogik unangetastet bleibt.
Dass diese Schatten nicht einfach „historisch erledigt“ sind, zeigen fortlaufende Verfahren und Nachwirkungen aus dem FIFAGate-Komplex.
Beispiel: US DOJ EDNY: „Full Play Group & Hernan Lopez convicted…“ (09.03.2023)
„Im Fussball ist zu viel Geld“ heisst heute: mehr Turniere, mehr Druck, mehr Zynismus
Infantinos Präsidentschaft steht sportpolitisch für Wachstum: grössere WM, neue Megaformate, immer neue Erlöspfade. Das Ergebnis ist ein Kalender, der knirscht – und eine Debatte, in der Spieler, Verbände und Fans zunehmend wie Statisten wirken.
Spieler- und Verbandskritik an Überlastung und Motiven rund um neue Formate (u.a. Club-WM):
ESPN: „Klopp: expanded Club World Cup is football's worst idea“ (28.06.2025)
Al Jazeera: „Players hit back at FIFA and Infantino after Club World Cup“ (25.07.2025)Selbst nationale Verbände warnen vor Schieflagen: Rekord-Preisgeld klingt nach Reichtum – aber Kosten, Steuern, Reisespiralen können das auffressen.
The Guardian: „European countries fear playing in World Cup will mean financial loss“ (26.02.2026)
Das ist der „Brot-und-Spiele“-Moment der Gegenwart: Immer grössere Shows – und immer mehr Akteure, die sich fragen, ob der Sport dem Geschäft noch folgt oder längst umgekehrt.
Die peinliche Anbiederung: Infantino als Bühnenfigur von Putin bis Trump
Wenn Geld das System antreibt, wird Nähe zur Macht zur Währung. Und genau hier wird es unter Infantino besonders unerquicklich: nicht diplomatisch-distanziert, sondern oft demonstrativ.
Putin
Infantino traf Putin im Kreml – offiziell als Gespräch über Fussball. Symbolisch ist es ein Foto der Nähe, das in autoritären Systemen immer auch als Legitimation gelesen werden kann.
Quelle: Kremlin.ru: „Meeting with FIFA President Gianni Infantino“ (23.05.2019)
Ergänzend (FIFA-eigene Darstellung): FIFA: „Infantino and Putin discuss World Cup legacy…“ (20.02.2019)
Trump
Mit Trump ist die Inszenierung noch offener: Task-Force-Politik, Oval-Office-Fotos, gegenseitige PR.
Quelle: White House: „FIFA World Cup 2026 Task Force“
Aktuell eskalierte die Kritik, als Infantino bei einem Trump-„Board of Peace“-Event prominent auftrat – und selbst das IOC Prüf-/Bewertungsdruck verspürte.
Quellen: AP: „Olympic body to look at Infantino's political neutrality…“ (20.02.2026) · Reuters: „IOC chief Coventry… will look into matter“ (20.02.2026)
Man kann das als „Realpolitik“ verkaufen. Man kann es aber auch schlicht peinlich nennen: Die FIFA als globales Spektakel, dessen Präsident sich an starke Männer andockt, weil Macht immer auch Schutz, Zugriff und Bühne bedeutet.
Fazit: Brot und Spiele funktionieren – aber sie vergiften den Fussball
Die NZZ- und FAZ-Texte von 2016 zeigen einen Wendepunkt: Reformwille, neue Strukturen, neue Gesichter. Zehn Jahre später ist das Grundproblem unverändert sichtbar:
- Zu viel Geld erzeugt Anreize zur Korruption.
- Zu viel Geld treibt Expansion, Überlastung und Entfremdung.
- Zu viel Geld macht den Präsidenten zum Lobbyisten der Show – und anfällig für politische Anbiederung.
Wenn die FIFA wirklich „den Ruf wiederherstellen“ will, reicht keine Reform-PR. Dann müsste sie die Geldlogik selbst begrenzen: transparente Vergaben, echte unabhängige Kontrolle, weniger Turnier-Inflation, klare Compliance – und vor allem Distanz zur Machtbühne.
Sonst bleibt Fussball das, was „Brot und Spiele“ immer waren: ein Spektakel, das stabilisiert, ablenkt – und den Preis woanders eintreibt.