Brot, Spiele und beste Freunde: Wie die FIFA-WM 2026 zur Hofbühne der Mächtigen wird
clarus.news | Kommentar | 31. Mai 2026 mit Unterstützung von Claude Opus
Vor zehn Jahren trat Gianni Infantino an, um die FIFA aus dem Blatter-Sumpf zu ziehen – als Gesicht eines «Neuanfangs». Pünktlich zur grössten Weltmeisterschaft aller Zeiten lässt sich nun besichtigen, was daraus geworden ist: ein Turnier mit 104 Spielen, Final-Tickets zu 8'680 Dollar und einem Präsidenten, der lieber mit Trump und Putin posiert, als sich um den Sport zu kümmern. Eine Bestandsaufnahme über zu viel Geld, zu mächtige Freunde – und die älteste Showformel der Welt.
Zehn Jahre Reform-PR, zehn Jahre derselbe Treibstoff
Man muss Gianni Infantino zugutehalten: Er hält sein Versprechen. Nur nicht das, das man erwartet hätte. Als er im Februar 2016 vom Verlegenheitskandidaten zum FIFA-Präsidenten aufstieg, beschrieb die NZZ damals ziemlich präzise, womit er die Delegierten einfing – mit der Aussicht auf grössere Ausschüttungen und Entwicklungszahlungen. Das war keine Wohltätigkeit, sondern Machttechnik. Wer verteilt, organisiert Loyalität.
Genau dieses Prinzip hat Infantino zehn Jahre lang nicht nur gehalten, sondern perfektioniert.
Die Reformen von 2016 entstanden nicht aus innerer Läuterung, wie der damalige NZZ-Kommentar nüchtern festhielt, sondern unter massivem Druck der US-Ermittlungsbehörden. Die amerikanische Justiz hatte die FIFA-Korruption 2015 nicht als Ausrutscher einiger schwarzer Schafe bezeichnet, sondern als jahrzehntelanges Muster aus Bestechung, Kickbacks und gekauften Rechten. Wer glaubt, das sei «historisch erledigt», sei an die Verurteilungen im FIFAGate-Komplex bis 2023 erinnert. Der Reformkongress hat oben neu lackiert. An der Basis blieb der Treibstoff derselbe.
Und der heisst, damals wie heute: Geld. Zu viel davon. So viel, dass der Fussball politisch käuflich, strukturell korrumpierbar und PR-anfällig wird. Das ist keine moralische Empörung, sondern eine Systembeschreibung.
Die Kunst der gut sortierten Freundschaften
Wenn Geld das System antreibt, wird Nähe zur Macht zur Währung. Und hier wird Infantinos Amtsführung von peinlich zu programmatisch.
2019 traf er Putin im Kreml – offiziell ein Gespräch über Fussball. In autoritären Systemen ist ein solches Foto jedoch nie nur ein Foto, sondern Legitimation. Bei Trump ist die Inszenierung gleich ganz offen: eine «FIFA World Cup 2026 Task Force», Auftritte im Oval Office, gegenseitige PR. Den vorläufigen Höhepunkt lieferte Infantinos prominenter Auftritt bei Trumps «Board of Peace»-Event – prominent genug, dass sich sogar das IOC bemüssigt fühlte, die politische Neutralität seines FIFA-Kollegen zu «prüfen».
Man kann das Realpolitik nennen. Man kann es auch schlicht peinlich nennen. Bemerkenswert ist vor allem die Konsequenz: Der Präsident des Weltfussballs sucht nicht Distanz zu den Mächtigen, sondern das gemeinsame Selfie. Er ist vom Verbandsfunktionär zum Lobbyisten der Show geworden – und damit zwangsläufig anfällig für politische Anbiederung. Die Frage, ob der Sport dem Geschäft folgt oder das Geschäft längst dem Sport vorschreibt, hat sich erledigt. Sie wird im Oval Office beantwortet.
Wohin all das Geld fliesst (Hinweis: nicht zu Ihnen)
Die WM 2026 ist die Krönung dieser Logik. Aus 32 wurden 48 Teams, aus 64 wurden 104 Spiele, und die FIFA erwartet mindestens 10 Milliarden Dollar Einnahmen. Mehr Spiele, mehr Teams, mehr Märkte – und ein Kalender, der hörbar knirscht.
Wer nun glaubt, bei diesen Summen werde der Sport reicher, irrt. Reicher werden die ohnehin Finanzstarken. Die 727 Millionen Dollar Prämien klingen beeindruckend, fliessen aber primär an die kapitalkräftigen Verbände und ihre Ligen. Im westlichen Spitzenfussball treibt dasselbe Geld die Gehälter und Ablösesummen in Höhen, die mit dem sportlichen Ertrag nichts mehr zu tun haben – während ausgerechnet die Spieler, die diese Summen einspielen, über Überlastung klagen. Jürgen Klopp nannte die aufgeblähte Klub-WM «die schlechteste Idee im Fussball», und ganze Verbände warnen mittlerweile davor, dass die Teilnahme an Turnieren wegen Kosten, Steuern und Reisespiralen zum finanziellen Verlustgeschäft wird.
Das ist die eigentliche Pointe: Der Profit ist überall – nur nicht dort, wo er den Sport ehrlicher machen würde. Die Stars sind gleichzeitig überbezahlt und überspielt, die mittleren Verbände finanziell unter Druck, und der Fan zahlt die Zeche.
Wörtlich. Die FIFA hat im Dezember 2025 einen «Supporter Entry Tier» zu fixen 60 Dollar eingeführt – nach massiver Kritik von Fanorganisationen und sogar des britischen Premiers Keir Starmer. Klingt grosszügig. Ist es nicht: Diese Tickets machen rund 0,8 Prozent der Stadionkapazität aus. Für den Final bedeutet das etwa 450 Plätze bei über 80'000. Ein Feigenblatt mit Rabattmarke.
Daneben regiert das «Dynamic Pricing», ein aus der US-Unterhaltungsindustrie importiertes Modell, das europäischen Fussballfans bislang fremd war. Das billigste Final-Ticket im offiziellen Verkauf kostet 4'185 Dollar, das teuerste 8'680. Zur Erinnerung: In Katar 2022 kostete das teuerste Final-Ticket rund 1'600 Dollar. Das ist mehr als eine Verfünffachung in vier Jahren. Bei der ersten WM in den USA 1994 lagen die Preise zwischen 25 und 475 Dollar. Wer die Tickets im FIFA-eigenen Resale-Markt weiterverkauft, zahlt übrigens beidseitig 15 Prozent Gebühren – auch am Zweitmarkt verdient das System mit.
Trumps Turnier: Wer rein darf und wer draussen bleibt
Die WM 2026 ist offiziell ein gemeinsames Projekt von USA, Kanada und Mexiko. Faktisch ist sie Trumps Turnier.
Die Ironie könnte kaum bitterer sein: In den USA ist Fussball traditionell der Sport der Migrantenfamilien. Sie fiebern der Heim-WM am meisten entgegen – und fürchten sie zugleich. Denn US-Militär und Einwanderungsbehörden werden an den Austragungsorten präsent sein, und nicht-weisse Eingewanderte, ob mit Papieren oder ohne, fürchten Festnahmen und Abschiebungen. Trump präsentiert die USA als gastfreundliches Fussballland und gewährt zugleich selektiven Zugang: Dem iranischen Team wurde untersagt, in den USA zu übernachten; es weicht nach Mexiko aus und reist damit unter Bedingungen an, die jeden sportlichen Wettbewerb verzerren.
Kanada wiederum wird vom Co-Organisator zum Statisten degradiert: nur 13 von 104 Spielen, ab dem Viertelfinal kein einziges mehr nördlich der Grenze. Parallel droht Trump dem Nachbarn mit Zollkrieg und der Aussicht, der «51. Bundesstaat» zu werden. Premierminister Mark Carney – nicht mehr Justin Trudeau, der bereits im März 2025 zurückgetreten ist – sucht demonstrativ neue Partner in Asien und Europa, kanadische Konsumenten meiden US-Produkte. Eine WM als Spiegelbild geopolitischer Machtverhältnisse: Der Stärkste dominiert, der Partner darf zusehen.
Und während über Ticketkategorien debattiert wird, erschütterte im Februar eine schwere Gewaltwelle Mexiko, ausgelöst durch die von US-Geheimdiensten unterstützte Tötung des CJNG-Chefs «El Mencho». Infantinos Reaktion – man sei «sehr beruhigt» – fügt sich nahtlos in ein bekanntes Muster des Wegsehens, das schon die WM 2022 in Katar prägte, als Menschenrechte und Arbeiterbedingungen die grosse Show nicht stören durften.
Fazit: Brot und Spiele, frisch lackiert
«Panem et circenses» – Brot und Spiele. Die römische Formel beschrieb ein Spektakel, das stabilisiert, ablenkt und den Preis woanders eintreibt. Sie passt 2026 erstaunlich genau.
Die FIFA unter Infantino maximiert das Spektakel – mehr Spiele, mehr Teams, mehr Standorte – bei gleichzeitiger Preisinflation, die den «normalen Fan» systematisch ausschliesst. Die 60-Dollar-Kategorie ändert daran nichts Wesentliches; sie ist die Rabattmarke, die das Gewissen beruhigen soll. Der Präsident posiert mit Autokraten und Populisten, weil Nähe zur Macht in diesem System schlicht die härtere Währung ist als sportliche Integrität.
Zehn Jahre nach dem grossen «Neuanfang» ist das Grundproblem unverändert sichtbar: Zu viel Geld erzeugt Anreize zur Korruption, treibt Expansion und Entfremdung und macht den Präsidenten zum Lobbyisten der Show. Wer den Ruf des Fussballs wirklich wiederherstellen wollte, müsste das Geld begrenzen statt feiern – mit transparenten Vergaben, echter unabhängiger Kontrolle, weniger Turnier-Inflation und etwas mehr Distanz zur Machtbühne.
Bis dahin bleibt der Fussball, was «Brot und Spiele» immer waren: ein grossartiges Spektakel. Man sollte sich nur keine Illusionen darüber machen, wem es dient – und wer es bezahlt.
Kritische Fragen
- (Evidenz) Die FIFA erwartet «mindestens 10 Milliarden Dollar» Einnahmen aus der WM 2026 – auf welchen veröffentlichten Kalkulationen beruht diese Zahl, und wie verhält sie sich zu den dokumentierten Ausschüttungen an Verbände?
- (Evidenz) Der angebliche Rückgang der Besucherzahlen wird mit «schwachen Hotelbuchungen» belegt: Über welchen Zeitraum, für welche Städte und auf Basis welcher Quellen wurde gemessen – und sind Ferien-Timing oder wirtschaftliche Unsicherheit als Mitursachen ausgeschlossen?
- (Interessenkonflikte) Welche konkreten kommerziellen Anreize hat die FIFA beim «Dynamic Pricing», und hat ihre Führung transparent offengelegt, wohin diese Mehreinnahmen sowie die 15-Prozent-Resale-Gebühren fliessen?
- (Interessenkonflikte) Verändert die demonstrative Nähe Infantinos zu Trump und Putin nachweisbar Vergabe- oder Sponsoring-Entscheidungen – oder handelt es sich «nur» um Symbolik ohne materielle Folgen?
- (Kausalität) Sind die Rekord-Ticketpreise tatsächlich Ausdruck von Marktmacht und Kommerzialisierung, oder liessen sie sich auch durch reguläre Inflation, höhere Sicherheitskosten und veränderte Stadionstandorte erklären?
- (Kausalität) Ist Kanadas Abkehr von den USA – im Konsum wie im Tourismus – primär eine Reaktion auf Trumps Rhetorik, oder zeichnet sich ein längerfristiger struktureller Wandel ab, der die WM nur sichtbar macht?
- (Umsetzbarkeit) Wie realistisch ist eine reibungslose Sicherheits- und Logistikkoordination über drei Länder und 104 Spiele, insbesondere für Teams aus geopolitisch angespannten Ländern wie dem Iran?
- (Umsetzbarkeit) Welche der genannten Reformen – transparente Vergaben, unabhängige Kontrolle, weniger Turnier-Inflation – wäre gegen die finanziellen Eigeninteressen der grossen Verbände überhaupt durchsetzbar, und durch welche Instanz?
Kernaussagen
- Zehn Jahre nach Infantinos Amtsantritt ist das strukturelle Grundproblem der FIFA unverändert: Zu viel Geld erzeugt Anreize zu Korruption, Expansion und politischer Anbiederung.
- Die WM 2026 ist die finanzielle Krönung dieser Logik – 10 Milliarden Dollar erwartete Einnahmen, die höchsten Ticketpreise der WM-Geschichte (Final bis 8'680 Dollar) und eine 60-Dollar-Alibikategorie von 0,8 Prozent der Plätze.
- Der Profit konzentriert sich bei finanzstarken Verbänden und Stars, während mittlere Verbände unter Druck geraten und der reguläre Fan ausgeschlossen wird.
- Infantinos demonstrative Nähe zu Trump und Putin macht ihn vom Verbandsfunktionär zum Lobbyisten der Show – mit entsprechender Anfälligkeit für Vereinnahmung.
- Politisch wird die WM zu Trumps Turnier: Migrant:innen-Communities bangen, der Iran wird ausgegrenzt, Kanada degradiert – ein Spiegelbild geopolitischer Machtverhältnisse.
Quellenverzeichnis
Primärquellen (clarus.news):
- «Brot und Spiele – 10 Jahre Infantino: Zu viel Geld, zu wenig Kontrolle», clarus.news, 27.02.2026
- «Faktencheck: FIFA WM 2026 – Ticketpreise, ‹New York› und die 3-Stunden-Anreise», clarus.news, 27.02.2026
- «Fussball-WM 2026 in Nordamerika: Trump dominiert Turnier zwischen Hoffnung und Angst», clarus.news, 31.05.2026 (nach SRF International Radio, Korrespondenz Barbara Colpi, 30.05.2026)
Ergänzende Quellen:
- NZZ-Archiv: «Mit Infantino kehrt die Uefa in die Fifa zurück» / «Die Fifa ist noch nicht aus dem Schneider», 27./28.02.2016
- FAZ: «Gianni Infantino ist neuer Fifa-Präsident»
- US DOJ: «Nine FIFA Officials and Five Corporate Executives Indicted…», 27.05.2015; «Full Play Group & Hernan Lopez convicted…», 09.03.2023
- ESPN: «Klopp: expanded Club World Cup is football's worst idea», 28.06.2025
- Al Jazeera: «Players hit back at FIFA and Infantino after Club World Cup», 25.07.2025
- The Guardian: «European countries fear playing in World Cup will mean financial loss», 26.02.2026
- Kremlin.ru: «Meeting with FIFA President Gianni Infantino», 23.05.2019
- White House: «FIFA World Cup 2026 Task Force»
- AP / Reuters: IOC prüft Infantinos politische Neutralität, 20.02.2026
- Reuters / Fox News: Tötung von «El Mencho» (Nemesio Oseguera Cervantes), Jalisco, 22.02.2026
- Prime Minister of Canada / Globe and Mail: Mark Carney seit 14.03.2025 im Amt
Verifizierungsstatus: ✓ 31.05.2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 31.05.2026
Tags: #FIFA #WM2026 #Infantino #Trump #Putin #Kommerzialisierung #BrotUndSpiele #Ticketpreise #DynamicPricing #Korruption #Kanada #Migration #Fussball