KI in der Schweizer Verwaltung: Zwischen Strategie und Realität
Eine kritische Bestandsaufnahme — mit Fakten statt Vermutungen Als Gegendarstellung und Ergänzung zu KI in der Bundesverwaltung
Die politische Offensive: Effizienz als Zauberwort
Im Schweizer Parlament herrscht parteiübergreifender Konsens: KI soll die Verwaltung «effizienter» machen. FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt forderte mit einem Postulat die «Effizienzsteigerung von Verwaltungsprozessen durch Prozessautomatisierung und künstliche Intelligenz». Der Bundesrat empfahl Annahme, das Parlament folgte.
Quelle: Republik: Lieber KI als Beamte? (Juli 2025)
Doch wer genau hinschaut, merkt: Viele Parlamentarier sprechen über KI, als wäre die Technologie erst gestern erfunden worden — während die Bundesverwaltung bereits seit Jahren produktive KI-Systeme betreibt.
Was der Bund tatsächlich macht: Mehr als «nebulös»
Die Behauptung, der Bund agiere «nebulös», hält dem Faktencheck nicht stand. Es existiert eine klare Governance:
Das Kompetenznetzwerk CNAI
Das Kompetenznetzwerk für künstliche Intelligenz (CNAI) beim Bundesamt für Statistik führt eine öffentlich zugängliche Projektdatenbank mit über 60 KI-Projekten aus der Bundesverwaltung — inklusive Themenfeld, zuständiger Stelle und Ansprechpersonen.
Quelle: CNAI Projektdatenbank
Konkrete KI-Projekte im Einsatz
Entgegen der landläufigen Meinung sind bereits produktive Systeme im Einsatz:
- ADELE (Bundesamt für Statistik): KI-System zur automatisierten Kategorisierung der Bodennutzung mittels Satellitenbildern
- Prognosemodell Falscher Mehltau (Agroscope): Machine-Learning-Modell für den Rebbau
- Mehrere Chatbot-Projekte in verschiedenen Departementen (EAK, BFS, SECO, VBS)
Quelle: Netzwoche: Diese fünf Chatbots sollen die Bundesverwaltung entlasten (Oktober 2024)
Strategie und Umsetzungsplan
Am 13. September 2024 beauftragte der Bundesrat die Bundeskanzlei, eine KI-Strategie zu erarbeiten. Diese wurde verabschiedet mit drei Grundsätzen:
- Verantwortungsvoller Einsatz unter Einhaltung von Datenschutz und Informationssicherheit
- Kompetenzaufbau in der Verwaltung
- Effizienzsteigerung durch Entlastung bei Routinearbeiten
Bis Ende 2025 sollen konkrete Umsetzungsmassnahmen definiert werden.
Quelle: Bundeskanzlei: Künstliche Intelligenz
Das Schweizer LLM: Apertus — offen, nicht abgeschottet
Die Gerüchte über ein «geheimes Bundes-LLM nur für die Verwaltung» sind falsch. Die Realität ist das genaue Gegenteil:
Apertus ist das erste grosse Schweizer Sprachmodell — entwickelt von ETH Zürich, EPFL und dem nationalen Supercomputing-Zentrum CSCS. Es wurde im September 2025 veröffentlicht und ist vollständig Open Source:
- Quellcode öffentlich
- Modellgewichte downloadbar
- Trainingsdaten transparent
- Über 1'000 Sprachen (inkl. Schweizerdeutsch und Rätoromanisch)
- 15 Billionen Trainingstoken
- Zwei Varianten: 8 Milliarden und 70 Milliarden Parameter
Das Modell erfüllt als erstes LLM vollständig die Transparenzpflichten des EU AI Act und steht über Hugging Face und Swisscom allen zur Verfügung.
Quellen:
Die berechtigte Kritik: Strukturelle Herausforderungen
Trotz dieser Fortschritte gibt es legitime Sorgen:
1. Fragmentierung und Ressourcenmangel
Während der Bund voranschreitet, fehlen vielen Gemeinden die Grundlagen für Basis-Digitalisierung. Der föderale Flickenteppich bleibt eine Herausforderung.
Quelle: Inside-IT: Schweizer Gemeinden fehlen Ressourcen für die Digitalisierung (Juni 2024)
2. Sicherheitsbedenken
Der Xplain-Skandal zeigte, dass Datenschutz bei IT-Dienstleistern vernachlässigt wurde. Die Frage, wie KI-Systeme auf sensible Verwaltungsdaten zugreifen sollen, ohne neue Angriffsflächen zu schaffen, bleibt virulent.
Quelle: Inside-IT: Datenschutz wurde bei Xplain vernachlässigt (Mai 2024)
3. Regulierungslücke
Die Schweiz hat noch keine übergreifende KI-Gesetzgebung. Erst am 12. Februar 2025 diskutierte der Bundesrat eine Auslegeordnung. Eine Vernehmlassungsvorlage soll bis Ende 2026 folgen — also mit mehrjähriger Verzögerung gegenüber der EU.
Quelle: Bundeskanzlei: KI-Regulierung
4. Der «Effizienz»-Diskurs
Die Fixierung auf «Effizienz» verdeckt oft, was wirklich gemeint ist: Personalabbau. Die SVP äussert sich explizit positiv zur Idee, dass KI-Systeme den Personalbestand reduzieren könnten. SVP-Nationalrat Franz Grüter: «Unsere Bundesverwaltung ist in den letzten Jahren stark gewachsen — sowohl beim Personalbestand als auch bei den Kosten.»
Quelle: Republik: Lieber KI als Beamte? (Juli 2025)
Die unbequemen Fragen, die gestellt werden müssen
- Wer prüft die KI-Systeme auf Diskriminierung? Der österreichische AMAS-Fall zeigt: Algorithmen reproduzieren historische Benachteiligungen.
- Welche Entscheidungen dürfen automatisiert werden? Das neue Datenschutzgesetz erlaubt «automatisierte Einzelentscheidungen» — ohne klare Grenzen.
- Wer haftet bei Fehlern? Die Verantwortung bleibt beim Menschen — aber wie kontrolliert ein Sachbearbeiter ein Modell mit Milliarden Parametern?
- Wo bleibt die öffentliche Debatte? Während Apertus als Open-Source-Projekt Transparenz vorlebt, fehlt eine breite gesellschaftliche Diskussion über KI in der Verwaltung.
Fazit: Differenzierung statt Polemik
Die Schweizer KI-Politik ist weder ein «Glaskasten ohne Ahnung» noch ein Musterbeispiel. Die Realität liegt dazwischen:
Was gut läuft:
- Strukturierte Governance über CNAI
- Transparente Projektdatenbank
- Apertus als weltweit einzigartiges Open-Source-LLM
- Klare Strategie mit Umsetzungsplan
Was fehlt:
- Rechtliche Rahmenbedingungen (bis 2026+ verzögert)
- Ressourcen auf kommunaler Ebene
- Gesellschaftliche Debatte über automatisierte Entscheidungen
- Klärung der Haftungsfragen
Der kritische Blick bleibt notwendig — aber er sollte auf Fakten basieren, nicht auf Gerüchten über «geheime» Bundes-LLMs.
Quellen
Offizielle Quellen
Netzwoche
- Bundesrat legt Schwerpunkte der Strategie Digitale Schweiz 2025 fest
- Bundesverwaltung soll KI-Kompetenzen aufbauen
- Diese fünf Chatbots sollen die Bundesverwaltung entlasten
- KI hält Einzug in die Geschäftsverwaltung des Bundes
Apertus / Swiss AI Initiative
- ETH Zürich: Apertus — ein vollständig offenes, transparentes und mehrsprachiges Sprachmodell
- ETH Zürich: Ein Sprachmodell im Dienste der Gesellschaft
Weitere Medien
- Republik: Lieber KI als Beamte?
- Inside-IT: Künstliche Intelligenz in der Verwaltung: Droht der Wildwuchs?
Erstveröffentlichung auf clarus.news