Die App, die vom Himmel fiel: Braucht der SHV wirklich noch ein eigenes Wetter?
Ein kritischer Kommentar zur SHV-App, zu Mitgliederbeiträgen, zu kaputten Links und zur Frage, ob Digitalisierung immer dann gelungen ist, wenn sie auf dem Handy ein neues Symbol hinterlässt.
von Andreas Binggeli
Lead
Der Schweizerische Hängegleiter-Verband hat eine eigene App lanciert. Vorerst geht es vor allem um Meteo-Daten. Das klingt nach Service. Es klingt auch nach Sicherheit. Und wer im freien Fliegen schon einmal unter einer Wolke stand, die fünf Minuten zuvor noch aussah wie eine Einladung zum Feierabendflug, weiss: Wetter ist kein dekoratives Detail.
Trotzdem darf man fragen: Braucht es wirklich noch eine Verbands-App für Wetter, wenn MeteoSchweiz sehr gute öffentliche Daten liefert und Burnair den Startplatz längst digital vermessen hat? Oder bauen wir gerade ein weiteres digitales Vereinsheim, nur diesmal mit Push-Nachrichten, Login und dem Versprechen, dass im Sommer alles noch besser wird?
Vom Wetterbericht zur App-Pflicht
Der SHV begründet die neue App mit einer Lücke. MeteoSchweiz stelle im Rahmen von Open Government Data bisherige Grafikdienste um. Deshalb sei rasch eine moderne Lösung nötig geworden. Die Preview-Version sei in nur drei Monaten entwickelt worden und solle die Meteo-Informationen sichern. Das ist nachvollziehbar. Niemand will, dass Pilotinnen und Piloten am Startplatz wieder mit ausgedruckten Isobarenkarten rascheln wie 1998.
Aber aus einer nachvollziehbaren Übergangslösung wird noch keine unantastbare Digitalstrategie. Genau hier beginnt die interessante Frage. Ist die SHV-App ein schlankes Frontend für Daten, die ohnehin öffentlich vorhanden sind? Oder entsteht ein weiteres Mitgliederservice-Projekt, das unter dem schönen Wort «Bündelung» langsam Eigenleben entwickelt?
Denn die Schweiz hat bereits ein Wetteramt. Es heisst nicht «Abteilung Thermikgefühl des SHV», sondern MeteoSchweiz. Dieses Bundesamt stellt seit Mai 2025 Wetter- und Klimadaten als Open Government Data zur Verfügung. Laut MeteoSchweiz reicht der Datenschatz teilweise bis 1864 zurück, das Messnetz liefert seit über 40 Jahren Daten von rund 260 Bodenstationen im 10-Minuten-Takt, und täglich werden über eine Milliarde Mess-, Analyse- und Vorhersagewerte bereitgestellt. Wenn das kein Wetter ist, was dann? Eine schlecht gelaunte Wolke mit Vereinsausweis?
Dazu kommt: Die MeteoSchweiz-App ist nicht irgendein Nebenprodukt aus dem Bundesordner. MeteoSchweiz schrieb 2024 selbst, die App laufe auf 4,8 Millionen Geräten und werde je nach Wetter- und Warnlage täglich von 700'000 bis 1,8 Millionen Nutzerinnen und Nutzern verwendet. Das ist mehr Reichweite, als die meisten Verbände je mit Newsletter, Swiss Glider und gut gemeinten Instagram-Reels zusammen erreichen.
Burnair, MeteoSchweiz und die Frage der Doppelspurigkeit
Wer fliegt, nutzt meistens nicht nur eine Quelle. MeteoSchweiz für die offizielle Lage. Burnair für Startplätze, Live-Windwerte, Thermik, Leegebiete und Flugplanung. XC Therm, Windy, Meteo-Parapente oder lokale Stationen für den zweiten Blick. Das ist nicht Chaos. Das ist Aviatik.
Burnair zeigt exemplarisch, wie weit private Spezialangebote bereits gehen. Die Burnair-Go-App bietet Live-Windwerte, eine Terrainkarte, thermikrelevante Karten, Radar-Informationen und sogar akustisch vorgelesene Windwerte während des Fluges. Man kann das mögen oder nicht. Aber es ist ein klar spezialisiertes Produkt für Pilotinnen und Piloten. Und es wird privat finanziert.
Der SHV dagegen finanziert sich wesentlich über Mitgliederbeiträge. Aktuell kostet die Mitgliedschaft laut SHV 120 Franken pro Jahr, zusätzlich wird eine Helvetia-Haftpflichtprämie von 82.50 Franken ausgewiesen. Im Geschäftsbericht 2025 stehen Mitgliederbeiträge von rund 2,53 Millionen Franken, ein Personalaufwand von rund 1,44 Millionen Franken und ein Total Betriebsaufwand von rund 4,33 Millionen Franken. Die Geschäftsstelle liegt laut Geschäftsbericht in der Kategorie von 10 bis 50 Vollzeitstellen. Auf der SHV-Kontaktseite sind zahlreiche Rollen aufgeführt, darunter auch IT & Digitalisierung, Web, Kommunikation, Luftraum, Meteo und Ausbildung/Sicherheit.
Das ist nicht per se zu viel. Ein Verband mit über 20'000 Aktivmitgliedern, Prüfungswesen, Luftraumthemen, Sicherheit und Fluggebieten braucht Strukturen. Aber gerade deshalb ist die Frage erlaubt: Muss der Verband zusätzlich in den Markt der Wetter-Apps hinein? Oder wäre seine Kernaufgabe eher, sicherzustellen, dass öffentliche Daten, private Innovation und Verbandswissen sauber zusammenspielen?
Die Geschäftsprüfungskommission des SHV hat im Geschäftsbericht 2025 genau diesen Punkt überraschend deutlich angesprochen. Die digitale Plattform solle primär die Kernaufgaben des Verbandes abbilden. Man solle nicht private Lösungen im erweiterten Themenbereich konkurrenzieren und wo sinnvoll Kooperationsmodelle mit privaten Akteuren suchen. Das ist höflich formuliert. Übersetzt heisst es: Baut bitte nicht den fünften Wetterhahn aufs Dach, nur weil man ihn als App-Icon schön animieren kann.
Der Segelflugprognose-Link als Symbol
Besonders hübsch wird die Sache beim Segelflugwetterbericht. Am 24. April meldete der SHV in Update 1.01, die Segelflugprognose sei in den Text-Produkten wieder eingebunden, mit Hinweis zur lizenzrechtlichen Situation und einem Link auf die SHV-Meteo-Website. Am 4. Juni hiess es dann: Die SHV-Meteowebseite sei nicht mehr verfügbar, alle gängigen Informationen seien nun in der SHV-App aufgeschaltet.
Das ist mehr als ein Detail. Es ist die kleine Pointe, die jede Digitalstrategie fürchtet: Die App verweist auf eine Website, die dann nicht mehr verfügbar ist. Der Link zur täglichen Segelflugprognose funktioniert nach Nutzerhinweisen nur teilweise beziehungsweise führt nicht zuverlässig zum erwarteten Inhalt. In der analogen Welt würde man sagen: Der Windsack zeigt nach Norden, aber der Mast liegt im Gras.
Natürlich kann das ein Übergangsproblem sein. Software hat Kinderkrankheiten. Eine Preview-Version darf nicht perfekt sein. Aber wenn der Verband eine bestehende Website abschaltet und gleichzeitig eine App als neue zentrale Lösung positioniert, dann gelten andere Massstäbe. Wer eine Brücke abbaut, sollte die Fähre nicht noch im App Store testen.
Sicherheit ist kein Argument gegen Kritik
Bei Flugwetter wird Kritik schnell heikel. Niemand will den Eindruck erwecken, Sicherheit sei nebensächlich. Im Gegenteil. Gerade weil Wetter für den Gleitschirm- und Deltasport sicherheitsrelevant ist, müssen digitale Angebote zuverlässig, transparent und nachvollziehbar sein.
Eine App kann helfen. Sie kann Daten bündeln, Warnungen sichtbar machen, Fluggebiete integrieren und Anfängerinnen und Anfänger vor der Wetterüberforderung schützen. Aber sie kann auch das Gegenteil tun: eine trügerische Übersicht erzeugen, Abhängigkeit schaffen und Informationen hinter Mitgliedschaft, Login oder proprietärer Darstellung verstecken.
Wenn öffentliche Wetterdaten offen verfügbar sind, sollte die Verbandsleistung nicht darin bestehen, diese möglichst elegant einzuzäunen. Die bessere Leistung wäre: erklären, einordnen, Qualität sichern, Quellen offenlegen, Fehler schnell korrigieren und Schnittstellen so anbieten, dass auch private Anbieter und Clubs damit arbeiten können.
Die Mitgliederfrage: Service oder Schönwetter-Apparat?
Die Mitglieder des SHV zahlen nicht einfach für ein digitales Komfortpaket. Sie finanzieren Interessenvertretung, Ausbildung, Prüfungen, Luftraumkoordination, Sicherheit, Fluggebiete, Verbandskommunikation und vieles mehr. Wenn Beiträge, Prämien, Personalaufwand und digitale Projekte gleichzeitig wachsen, entsteht automatisch eine legitime Erwartung: Transparenz.
Was kostet die App? Welche externen Dienstleister sind beteiligt? Wie hoch sind Betrieb und Wartung pro Jahr? Welche Daten werden eingekauft, welche stammen aus Open Government Data, welche aus privaten Quellen? Gibt es eine Kosten-Nutzen-Rechnung? Wurde geprüft, ob Kooperationen mit Burnair, MeteoSchweiz oder anderen Anbietern günstiger oder besser gewesen wären? Und weshalb sollen Prognosedaten später nur noch SHV-Mitgliedern zugänglich sein, während gleichzeitig viele Grundlagen öffentlich finanziert und offen bereitgestellt werden?
Das sind keine Nörglerfragen. Das sind Vereinsfragen. Ein Verband gehört seinen Mitgliedern, nicht seiner Roadmap.
Fazit: Nicht jede Wolke braucht eine App
Die SHV-App ist nicht unsinnig. Im Gegenteil: Die Idee, Meteo, Fluggebiete, Sicherheitsinformationen und Mitgliederdaten an einem Ort zusammenzuführen, kann sinnvoll sein. Gerade für neue Pilotinnen und Piloten wäre ein sauber kuratiertes, verständliches Cockpit wertvoll.
Aber der SHV sollte aufpassen, dass aus Service nicht Doppelspurigkeit wird. MeteoSchweiz liefert starke öffentliche Grundlagen. Burnair und andere Spezialanbieter bedienen den Pilotenmarkt bereits mit hoher Praxisnähe. Der Verband hat genug echte Kernaufgaben: Luftraum, Sicherheit, Ausbildung, Fluggebiete, Interessenvertretung, Umweltkonflikte und Qualitätssicherung.
Eine gute Verbands-App müsste daher drei Dinge beweisen:
- Sie funktioniert zuverlässig, auch bei Links zur Segelflugprognose.
- Sie macht Kosten, Datenquellen und Abhängigkeiten transparent.
- Sie ergänzt bestehende Angebote, statt sie mit Mitgliederbeiträgen zu überfliegen.
Bis dahin gilt: Wer am Startplatz steht, sollte nicht nur den Himmel lesen. Sondern auch das Kleingedruckte der Digitalisierung. Denn manchmal kommt die stärkste Thermik nicht aus dem Tal, sondern aus einem Budgetposten.
Offene Fragen an den SHV
- Wie hoch waren Entwicklungskosten, Betriebskosten und geplante Folgekosten der SHV-App?
- Welche Teile der App nutzen MeteoSchweiz Open Government Data, welche private oder lizenzierte Datenquellen?
- Weshalb werden Prognosedaten nach der Preview-Phase nur für SHV-Mitglieder verfügbar, wenn zentrale Wettergrundlagen öffentlich finanziert und offen publiziert werden?
- Wurde eine Kooperation mit bestehenden spezialisierten Anbietern wie Burnair geprüft?
- Wie wird sichergestellt, dass Links, insbesondere zur Segelflugprognose, nicht ins Leere führen?
- Welche Kernaufgaben des Verbandes werden durch die App konkret besser erfüllt?
Quellen und Hinweise
- SHV: SHV-App, Release und Updates 2026
- SHV: Mitgliedschaft und Kosten
- SHV: Geschäftsbericht 2025
- SHV: Kontakt / Geschäftsstelle
- MeteoSchweiz: Wetter- und Klimadaten frei zugänglich
- MeteoSchweiz: Open Government Data – Lokalprognosedaten und Radardaten
- MeteoSchweiz: MeteoSwiss App in verbesserter Version lanciert
- Burnair: Burnair Go App
- Lu-Glidz: Neue SHV-App zeigt Meteo in High-Res
- Blick / Keystone-SDA: Wetter- und Klimadaten des Bundes frei zugänglich
Hinweis: Die Beobachtung zum nicht zuverlässig funktionierenden Segelflugprognose-Link beruht auf Nutzerhinweisen und sollte vor Publikation nochmals mit einem aktuellen Test der App beziehungsweise des betreffenden Links geprüft werden.